Von Iris Radisch

In Sarajevo wird wieder geschossen. Der Nationalismus lebt. Nichts hat sich geändert, und keiner versteht das. Die aufrechte Rechte nicht, die aufgeklärte Linke nicht. Alle fassen sich an den Kopf, und Mitteleuropa verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Denker denken ins Leere. Der Boden unter ihren Füßen raucht. Die Schuldigen aber wandeln im Licht internationaler Konferenzen. Und die Ursachen sieht man nicht. Das ist grob gesagt der finstere Ernst der Lage.

Die Lage paßt keinem ins Konzept. Das muß man ihr zugute halten. Sie ist peinlich, unanständig und wenig kommod. Der Nationalismus gehört nicht mehr in eine saubere europäische Weltordnung. Er ist ein Schmuddelkind der Geschichte. Mit dem spielt man nicht, dessen Lieder singt man nicht. Das ist verständlich, aber keine Lösung.

Der Nationalismus lebt. Wie in den kahlgeschorenen Holzköpfen in Rostock, Wismar und Hoyerswerda, so auch in der Literatur. Nicht gerade in der westdeutschen. Dort erzählen noch immer gutmütige Akademiker im Biedermeier ihrer Westberliner Stammkneipe oder im Abseits exotischer Hotelbetten vor sich hin. Auch nicht in der ostdeutschen. Von dort nichts Neues, nur Strittmatter. Und schon gar nicht in der österreichischen, wo sich die Burschen und Madeln aus Gründen des spezifischen austriakischen Weltgefühls, ergreifend, aber wenig überraschend, noch immer in den Kärntner Kuhställen am Holzbalken aufknüpfen. Der Nationalismus lebt, plötzlich und unerwartet, in der schönsten und problematischsten Prosa dieses Herbstes: in Libuše Monfkoväs tschechischem Heimatroman "Treibeis".

Libuše Moníková, früh geehrt und früh gefeiert, eine deutschschreibende Autorin, überzeugte Tschechin und schmerzensreiche Exilantin, kam 1972 in die Bundesrepublik. Für ihren Roman "Die Fassade" erhielt sie 1987 den Döblin-, für ihre Essays "Schloß, Aleph und Wunschtorte" 1990 den Kafka-, 1991, einfach so, den Chamisso- und heuer den Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung. Dabei sind ihre Bücher von jener Art, die nur wenige lieben: unsentimental und verschlossen, mit einer kaltschnäuzigen Außenseite, die den Blick auf jede Innenseite versperrt. Einer bedenkenlosen Lektüre entziehen sie sich, treten nicht selten gegen den Leser an und vergraulen ihn, mit Vorsatz, Verve und Leidenschaft. Die Ahnen und Vorbilder der Autorin sind Franz Kafka und Arno Schmidt.

"Vor der Tafel der Schule in Angmagssalik, Ostgrönland", so beginnt der Roman "Treibeis", "hängt ein großes Bild der Swan Arene in London, eine vereinfachte Kopie der Zeichnung, die Arend van Buchel nach der Originalskizze Johannes de Witts von 1596 angefertigt hat. Die stille Post der Kopisten quer durch die Jahrhunderte hat in ihrem vorläufig letzten Glied eine hypertrophierte Bühne hervorgebracht, auf mächtigen Füßen, die in den Raum drängt, auf Kosten von allem, was nicht spielt. Sie scheint Zuschauer gar nicht zuzulassen; wenn sich einige hineinverirren sollten, wie die kleineren Tiere in der Arena bei Bärenkämpfen, würden sie vom Geschehen im Zentrum aufgesogen und am Ende zerquetscht und blutleer an der Peripherie zurückgelassen, in ihren Galeriereihen zusammengepfercht, erschöpft vom Spektakel."

Jan Prantl, Lehrer, 48 Jahre alt, ehemaliger Fallschirmspringer, Shakespeare-Kenner und Tscheche, erklärt seinen grönländischen Schülern in Angmagssalik das elisabethanische Theater, genauer die Swan Arene in London. Sie sei, erzählt er, so riesig, daß sie Zuschauer gar nicht zulasse. Das Bild, das der tschechische Lehrer seinen nach Fisch und Fusel stinkenden Schülern zeigt und gleichzeitig deutet, ist ein Gleichnis. Die Swan Arene in London, will der Lehrer uns sagen, ist die Welt. Und die Welt ist ein Theater.