Von Hans Otto Eglau

Zur Zeit kann es kein verantwortungsbewußter Unternehmer riskieren, in Deutschland in gentechnische Anlagen zu investieren“, klagte der neue Bayer-Chef Manfred Schneider unlängst in einer Rede zum 75jährigen Bestehen seines Dormagener Werks. Kurz zuvor hatte bereits der Vorstandsvorsitzende der Hoechst AG, Wolfgang Hilger, den Heimatmarkt für die nach der Mikroelektronik vielleicht zukunftsträchtigste Schlüsseltechnologie abgeschrieben. „Bei netten Projekten können wir uns einen Zeitverlust nicht mehr leisten und gehen deshalb vorerst ins Ausland.“ Vor allem der jahrelange Kleinkrieg um die Genehmigung einer gentechnischen Insulinversuchsproduktion hatte den Chemiemanager frustriert.

Aber nicht allein die Industrie schlägt Alarm. Auch die an Gentechnikprojekten arbeitenden Wissenschaftler von Universitäten und Forschungsinstituten fühlen sich durch Vorschriften behindert. Deutsche Experten würden deshalb verstärkt ins Ausland abwandern, ausländische Gentechniker immer schwerer für Forschungsvorhaben in der Bundesrepublik zu gewinnen sein, warnt die Max-Planck-Gesellschaft in einem für Parlament und Regierung verfaßten Lagebericht. „Die industrielle Forschung stagniert im Inland“, so das Fazit des vierzigseitigen Gentechnikpapiers, „zukunftsträchtige Projekte werden praktisch nur noch im Ausland durchgeführt.“ Für diese Entwicklung machen Manager und Forscher die Erschwernisse durch ein Gesetz verantwortlich, das eigentlich am Industriestandort Deutschland verläßliche Grundlagen für die Umsetzung der neuen Technologie schaffen sollte.

Viele der Beteiligten – von der Wirtschaft über die Forschung bis zur IG Chemie – fordern, das am 1. Juli 1990 in Kraft getretene Gentechnikgesetz müsse gründlich überarbeitet und entrümpelt werden. Unklarheiten im Gesetz und ein hoher Verwaltungsaufwand würden mit deutscher Gründlichkeit die noch verbliebenen Freiräume immer weiter einschränken.

Die Einstellung des Gesetzgebers, der Genehmigungsbehörden und weiter Kreise der Öffentlichkeit zur Gentechnik erinnert an die Diskussion der siebziger Jahre um die Mikroelektronik, die viele als „Jobkiller“ fürchteten. Als die Deutschen die überragende Bedeutung dieser Schlüsseltechnologie endlich erkannten, hatten Amerikaner und vor allem Japaner in der Chipherstellung und in der Anwendung bereits einen uneinholbaren Vorsprung.

Schon heute läßt sich absehen, daß die Gentechnik Innovationsschübe auslösen wird, vor allem dank ihrer Möglichkeit, Erbinformationen, also Gene, gezielt auf andere Organismen zu übertragen und dort zur Wirkung zu bringen. Von der Medizin über die Landwirtschaft bis zur Rohstoffgewinnung und dem Umweltschutz könnten viele Bereiche davon profitieren. Doch von den Risiken und Gefahren ist mehr die Rede als von den Chancen. Eine rationale Auseinandersetzung mit den neuen Möglichkeiten der Biotechnologie findet kaum statt.

Ähnlich wie in der Mikroelektronik droht Deutschland nun auch in der Gentechnik den Anschluß an die weltweit führenden Amerikaner und möglicherweise auch an die Japaner zu verlieren. Vor allem bei der Entwicklung neuer Arzneimittel läuft ohne die Gentechnologie künftig kaum noch etwas. Doch wie kein anderer Pharmahersteller hat sich Hoechst an den Blockaden von Bürgerinitiativen, Genehmigungsbehörden und Verwaltungsgerichten wundgerieben. Die jahrelange Auseinandersetzung um die bis heute nicht produzierende Versuchsanlage für Humaninsulin und die Gewinnung des blutbildenden Hormons EPO bei den konzerneigenen Behringwerken veranlaßte den Chemieriesen zu einem radikalen Kurswechsel in seiner Standortpolitik.