Von Erich Loest

Meine älteste Erinnerung an dieses Haus geht über sechzig Jahre zurück. Im Sommer 1932 wurde wieder einmal gewählt, da unten in der Turnhalle war das Wahllokal. Ich ging an der Hand meiner Mutter. Einmal schrieb ich: "Eigentlich durfte ja niemand mit in die Kabine, aber die Ordner drückten ein Auge zu. Ich sehe und höre diese Szene noch aus der Perspektive eines Sechseinhalbjährigen: Männerbäuche und sonore Stimmen über mir. Hoch der Tisch, meine Mutter machte ein Kreuzchen. Natürlich wollte ich wissen, was das bedeute; sie flüsterte, eben habe sie Hitler gewählt, und ich solle es niemandem verraten. Da war meine Familie geschlossen zu den Hitlerwählern übergelaufen, denn: ‚So konnte es nicht weitergehen.‘"

Im April 1936 trug ich meinen Ranzen hierher. Montags wurde eine evangelische Andacht gehalten, der Rektor kontrollierte an der Tür, ob jeder das Gesangbuch dabei hätte. Dieses Ritual wurde bald von einem neuen Rektor durch einen Fahnenappell auf dem Hof ersetzt. 1936 gehörten noch nicht alle Studienräte der NSDAP an, 1937 konvertierte der Rest. In der großen Pause hetzten Rowdys einer höheren Klasse einen jüdischen Mitschüler unter Hephep-Rufen über den Hof.

In diesem Jahr 1936 vegetierte ein anderer Mittweidaer, der Kommunist Hans Vogelsang, im Konzentrationslager. Später wurde er entlassen. Er wohnte in der Weberstraße, dicht neben uns, ich grüßte ihn, kannte seine Frau und seinen Sohn. Er war Meister in der Wattefabrik, ich sehe ihn noch zur Arbeit gehen, einen, tiefernsten Mann. Nach dem Krieg wurde er unser Bürgermeister, dann Landrat von Döbeln, später Parteifunktionär in Leipzig. Dort begegneten wir uns wieder.

Hans Vogelsang ist Ehrenbürger von Mittweida, mein Vorgänger in dieser Würde. Wenn Sie mich heute ehren, dann auch, weil ich mich gegen die Diktatur des DDR-Staates wehrte und deshalb zu leiden hatte. Indessen: Ich war Hitlerjugendführer, als Hans Vogelsang jeden Tag damit rechnen mußte, wieder verhaftet zu werden oder in einer Wehrmachts-Bewährungseinheit sein Leben zu verlieren. Zehn Jahre lang gehörte ich der Partei des Hans Vogelsang an; zwischendurch, 1953, verpaßte er mir als Vorsitzender der SED-Kontrollkommission des Bezirks Leipzig eine Strenge Rüge. 1956 eröffnete er ein Parteiverfahren gegen den Schriftsteller Gerhard Zwerenz und trieb mich dadurch an dessen Seite. Hans Vogelsang war energisch daran beteiligt, daß ich 1957 verhaftet wurde. So verschlingen sich unsere Wege.

In Mittweida ist nachgedacht worden, Hans Vogelsang die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen – ich habe mich dagegen ausgesprochen. Er soll als Symbol des Widerstands gegen die Nazis in unserer Stadt gelten, in der sich nur Arbeiter auflehnten, das Bürgertum mit fliegenden Fahnen zu den Braunen überging und aus den Kirchen kein Widerwort kam. Am Ende seines Lebens war er nicht einsichtiger oder edler als die verrottende SED. Jedoch: Am Anfang meines Lebens war ich nicht so klug wie damals Hans Vogelsang. Wenn die Mittweidaer wollen, so können wir beide nebeneinander bestehen. Er für eine Zeitspanne, ich für eine andere. Politische Engel sind rar und in Mittweida nicht auffindbar. Wenn Hans Vogelsang noch lebte, würde ich sagen: Siehst du, mein Alter, unser beider Leben zeigt die Dialektik, von der du so überzeugt geredet hast.

Unser Land und diese Stadt erleben in kurzer Frist die dritte Umwälzung. Nach den Abstürzen von 1933 und 1945 ist die heutige selbstverständlich die mildeste. Auf 1933 folgten Verhaftungen und später der Tod vieler auf den Schlachtfeldern – manche Klasse unserer Schule wurde dezimiert. 1945 brachte neben der Befreiung auch Internierung, Vertreibung, Enteignung, alte Menschen kamen durch Mangel und Kälte um. Der Rektor dieser Schule, ein Nationalsozialist ohne Zweifel, starb in einem Lager – niemand wird behaupten wollen, seine Schuld wäre so groß gewesen, daß er den Tod verdient gehabt hätte. Anderthalb Dutzend Schüler hungerten im Lager Mühlberg; Werwolfverdacht hatte sie hinter Stacheldraht gebracht. Heute hungert niemand, keiner wurde durch die so sanfte Revolution getötet, keiner eingesperrt und keiner enteignet – ein historisch erstaunlicher Vorgang.