Kinderlärm. Kinderlachen. Man hört Fragen: Was soll denn das sein? Verkohlter Kohl? Der dreißigste Februar? Und wo bleibt die Torte? Die Mickymaus, wo is’ denn die? Aber dann geht auf dieser Musikkassette (oder CD, je nachdem) das Theater los. Es bläst die Posaune, es schrummt die Gitarre, eine Stimme singt, aber nein, erzählt dazu – im Maß der Verse, im Holterdiepolter der Reime – vom Besuch beim „klugen Reimschmied“, welcher, natürlich, die Reime von Zeile zu Zeile zerreißt: Schim-(mel) für schlimm, Mei-(ster) für dabei, Flü-(gel) auf Hüh.

Die Kinderrunde kommt in Stimmung. „Ich zog mal an ’nem Katerohr ...“ Schon schreien sie, das a sekundenlang in die Höhe ziehend, „Ka-a-aa-a-a-a-a-a-a-a-a-a-a-terohr“. So reiht sich in dem Gedicht Scherz an Scherz, aber, da sie weh tun, auch Strafe an Strafe: Die Katze beißt den Lümmel; die Schwester sperrt ihn ein ins Klo; der Ast bricht ab – doch zum Schluß bekommt das leutselige Morallied einen ganz anderen Stups.

Denn wir haben es – von der Kinderschar mal abgesehen, die sich beileibe nicht in jedes Gedicht und jedes Lied einmischt – mit zwei pädagogisch gesonnenen, aber nicht verbiesterten Barden, vielmehr mit kinderfreundlichen Ironikern und vor allem: mit Spielern zu tun. Das gilt für die Texte, die sie sich für diese Platte (und das parallel dazu erschienene Taschenbuch) gedichtet oder von Morgenstern, Busch, Ringelnatz und Co. zusammengesucht haben, und für die Musik. Eine pfiffige Musik vom Posaunisten Günter Saalmann und vom Gitarristen Helmut „Joe“ Sachse, die bisweilen sogar ein bißchen besser als die manchmal ein wenig mühsamen Versbotschaften ist, mit originellen Melodien, oft gegen den Strich rhythmisiert. Mal spielt, (singt, rezitiert, parodiert) der eine, mal der andere, mal tun es beide.

Es gehört sich, daß die Musik sich von den Texten inspirieren läßt, sie plappert, heult, tönt klangselig oder melodiös, gibt sich dialogisch und gelegentlich auch lautmalerisch, wird zum Bett, in das der Text gelegt wird. Und manchmal (wie beim „Sommerspaziergang“ oder in „Wann die Lerche Luft holt“) entwickelt sie sich sogar zu einer schönen, differenzierten Kammermusik. Und dabei haben die beiden Musiker die allergefährlichste Klippe umschifft: Sie machen sich mit ihrem jugendlichen Publikum nicht gemein.

Dann und wann merkt man (gottlob) die ostdeutsche Herkunft, teils an der Sprechfärbung, teils an Begriffen wie „Prämien“ oder „Sero“, das auf der Platte auch gleich als Sekundärrohstofferfassungs- und -bearbeitungsbetrieb dechiffriert wird. Und wir finden uns auf dem Lande wieder, wo jeder, der „zum Kreis“ fährt, die Kreisverwaltung sucht. Im übrigen müssen die Kinder helle sein und wissen, was „bona fide“ ist, was „Gremien“ sind oder „alles Seinde“, (was Günter Saalmann dann auf „unsere Freunde“ reimt).

Nein, so immer ganz toll sind die Verskünste unseres Dichters nicht; aber es wäre auch nicht toll, ihm deswegen nun gleich ein Reimschutthäuflein vor die Tür zu kehren: aus den vielen, immer spaßigen, oft intelligent anregenden Spielereien mit der Sprache, mit Sinn und Unsinn, mit Gewohnheit und Überraschung, Altem und Entdecktem, mit Rätseln (wie im Bäumeraten) und mit neuen Wörtern (Dingsperlings). Und Erziehungsratschläge finden sich, kaum zu merken, auch.

Was nun aber: CD beziehungsweise Kassette? Oder doch das Taschenbuch? Die einen locken mit Musik, das andere mit den wunderbaren Zeichnungen Klaus Ensikats. Das (Vor-)Lesen macht leichte, aber vergnügliche Mühe und bringt die Phantasie auf Trab; das (Zu-)Hören beschert die reizende Musik und die Launigkeit der Interpreten. Jede Entscheidung verspricht Gewinn und Verzicht. Also braucht man wohl beides.