Von Bettina Kaps

„Seit Jahren habe ich mir Ruhe gewünscht“, sagt Fatma Kelbite. „Doch diese Stille ist gespenstisch.“ Das Laufen, Rennen, Springen und gelegentliche Stampfen der Familie, die bis vor kurzem über ihnen wohnte, ist verebbt, die Rapmusik von nebenan verstummt. Auch von unten dringt kein Ton herauf, obwohl die Zwischendecke gerade zwanzig Zentimeter stark ist. Nur die eigene Bande lärmt. In der umgebenden Stille stechen ihre Geräusche lauter als sonst hervor.

Fatma und ihre sieben Kinder sind ein Überbleibsel in diesem Wohnblock in der Rue Derain 2 bis 8. Rundherum sind die Eingangstüren zugemauert, die Fensterscheiben weiß getüncht. Wo vor 18 Monaten noch 900 Menschen lebten, warten jetzt die letzten 57 Familien auf das Zeichen zum Aufbruch. Sobald sie umquartiert worden sind, soll das Hochhaus Nummer 2 in der Siedlung Les Bosquets in Montfermeil in sich zusammenstürzen.

„Gewiß, die Sprengung ist eine sehr gewalttätige Methode“, sagt die Urbanistin Danièle Blaquières, die für den gemeinnützigen Verein PACT (Propaganda und Aktion gegen Elendsquartiere) arbeitet und die Räumung des Gebäudes organisiert. „Die Leute verstehen es nur schwer, daß wir trotz der Wohnungsnot einen riesigen Block zerstören wollen, zumal viele von ihnen in das gleiche Gebäude ein paar Straßen weiter einziehen werden – sobald da etwas frei wird.“

Les Bosquets besteht aus sieben identischen Wohnblocks mit zehn Etagen, hinzu kommen dreizehn vierstöckige Blocks. Die staubige Siedlung, die nach einem angrenzenden Wäldchen benannt ist, ragt wie ein Fremdkörper aus dem Pariser Vorort Montfermeil mit seinen kleinbürgerlichen Gartenhäusern heraus.

88 Prozent der etwa 10 000 Bewohner von Les Bosquets sind Ausländer, sie stammen aus 38 überwiegend nord- und schwarzafrikanischen Ländern – eine in Deutschland unvorstellbare Situation. „Und niemand lebt freiwillig hier“, sagt Danièle Blaquières. Wer heute in Les Bosquets wohnt, ist in einer Enklave gestrandet, wo es keine Arbeit gibt, kein Zentrum, kein städtisches Leben, keine Verkehrsanbindung. Für die zwanzig Kilometer nach Paris braucht man mit Bus und Bahn im besten Fall anderthalb Stunden.

„Die Blocks, die taugten nur als Durchgangsstationen. In unserer Produktionsgesellschaft werden selbst Wohnungen zu Konsumgütern, die nach dreißig Jahren verdorben sind“, meint Philippe Darteil von PACT. „Eine Stadt, ein Viertel kann nicht im Hauruck entstehen.“ Les Bosquets wurde in den sechziger Jahren im Schnellverfahren hochgezogen und als „Residenz“ an mittelständische Franzosen, darunter viele Algerienheimkehrer, verkauft. Der versprochene Autobahnanschluß wurde nie realisiert.