Von Christine Brasch

Zweimal ein scharfes "Ratsch" der Klebestreifen, dann ist die Windel offen. Jetzt eine neue anlegen. Der Wechsel dauert nur Sekunden, läßt sich mit etwas Übung auch beim stehenden und sogar laufenden Kind praktizieren. Als Mutter von zwei Kindern bin ich ein Pampers-Profi. Aber mein Umweltgewissen ist nicht gerade lupenrein. Jede Woche füllt sich unsere Mülltonne in Null Komma nix. Wie wär’s also mit den neuen alten Baumwollwindeln, die es seit einiger Zeit im Verleihsystem gibt?

Schon mit dem ersten Anruf beim Windel-Service lerne ich dazu. Der freundliche Herr am Telephon ist erstaunt: "17 Monate ist Ihr Sohn alt? Die ältesten Kinder, die wir hier beliefern, sind zwei Jahre alt!" Wieso das? Kann man danach keine Stoffwindeln mehr benutzen? "O doch", sagt der Herr. "Aber die Kinder brauchen keine mehr – sie sind nämlich trocken."

Mal ehrlich: Ich habe noch nie ein Kind der heutigen Generation gesehen, das mit zwei Jahren wirklich keine Windeln mehr gebraucht hätte. "Ja", sagt der Herr triumphierend, "Sie kennen eben nur Wegwerfwindel-Kinder. Sie wissen doch, die Hersteller werben mit dem Satz: ‚Selbst wenn sie naß sind, sind sie schön trocken.‘ Das ist kein Vorteil, sondern ein Nachteil! Den Kindern ist in den Wegwerfwindeln einfach viel zu wohl."

Eine Woche nach dem Anruf erscheint der freundliche Herr bei uns mit einer hellblauen Plastiktonne, einem Bündel Stoffwindeln und einem Packen Informationsmaterial, dem ich entnehme: In Zukunft bekommen wir einmal wöchentlich ein Paket gekochte und gebügelte Baumwollwindeln. Die gebrauchten Windeln werden die Woche über in der geruchsdichten Plastiktonne gesammelt und bei der nächsten Lieferung mitgenommen. Mindestlieferung sind wöchentlich dreißig Windeln für zwanzig Mark, jeweils zehn Windeln mehr kosten vier Mark. Das Wickeln mit den sogenannten "italienischen" Baumwollwindeln (eine moderne Variante der alten Mullwindel) gestaltet sich einfacher als erwartet: Ein feingestrickter, etwa einen Meter langer Baumwollschal wird doppelt gelegt, zwischen den Beinen des Kindes durchgeführt und um die Taille mit Bändern zusammengebunden. Das klappt auf Anhieb. Darüber kommt eine doppelt gestrickte Hose aus weitgehend unbehandelter Schafwolle. Der Prospekt kündigt an: "Hält dicht bei regelmäßigem Windelwechsel".

Der so verpackte Leonhard wird zum Mittagsschlaf hingelegt. Nach anderthalb Stunden ist alles naß: Windel, Wollhose, Unterzeug und Bettwäsche. Ich greife zur Gummihose. Auch mit dieser Verpackung läuft Leonhard öfter aus. Und ich erkenne den wichtigsten Lehrsatz der Wickelpraxis: Wo Luft reinkommt, kommt auch Pipi raus.

Nach zwei Tagen rufe ich meine Mutter an, um ihr zu sagen, mit wieviel Respekt ich jetzt ihre Leistung betrachte, drei Kinder großgezogen zu haben. "Danke", sagt sie befriedigt. "Auf diesen Anruf habe ich lange gewartet." Nun ist mir klar, weshalb unsere Eltern uns so schnell sauber haben wollten. Und warum der Windel-Service mit dem Argument werben kann, die Kinder seien schneller trocken.