Von Wolfgang Kraushaar

Protestphänomene sind in unserer Gesellschaft so alltäglich, daß einer Nachrichtensendung ohne Berichte über sie etwas fehlte. Die Medien bombardieren uns förmlich mit Informationen über Protestereignisse. Doch je weiter diese sich ausgebreitet und intensiviert haben, desto schwieriger ist es geworden, ihre Semantik zu bestimmen.

Einer, der den Versuch unternommen hat, die immer verschwommener erscheinende Kategorie in den Griff zu bekommen, ist der renommierte Publizist Harry Pross. Nachdem er 1964 mit "Jugend – Eros – Politik" bereits eine materialreiche Studie über die deutsche Jugendbewegung und 1971 eine kleine Monographie – über den "Protest als publizistische Form" – vorgelegt hat, ist nun ein umfangreicher Essay erschienen, der dem schillernden Phänomen auf den unterschiedlichsten Ebenen zu Leibe rückt.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist eine durchaus verallgemeinerungsfähige Erfahrung: Der Protest enttäuscht in aller Regel die Protestierenden. Nur in den seltensten Fällen wird durch ihn das erreicht, was ursprünglich intendiert war. Das heißt zwar nicht, daß er folgenlos bliebe, das Resultat ist jedoch zumeist etwas, was als unerwartete, wenn nicht gar als unerwünschte Nebenfolge verbucht werden kann.

Pross zeigt, daß unter Protest, wie manche vielleicht immer noch hoffen, nicht mehr der Auftakt zu einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft verstanden werden sollte. Er ist nicht die erste Stufe eines Prozesses, der über die Artikulation öffentlichen Unmuts irgendwann in Rebellion und dann vielleicht in eine Revolution umschlägt, durch die das politische System umgewälzt wird. Protest wird von ihm als ein mehr oder weniger selbstverständliches Regularium betrachtet, als ein Element demokratischer Normalität.

Die Formen des Protests beschreibt Pross als Kommunikationsforscher, als Literaturhistoriker, als Sozialwissenschaftler, mitunter aber auch mit dem Blick des Ethnologen. Anhand einer Fülle geschichtlicher Beispiele wird gezeigt, daß es bereits im Mittelalter oder gar in der Antike jene Phänomene des artikulierten Unbehagens gab, die wir als modern zu bezeichnen geneigt sind. So viele Vergleiche aber auch angeführt werden, so wenig überzeugend ist die zugrundeliegende Hypothese, daß über Jahrhunderte hinweg nahezu beliebig Parallelen aufgezeigt werden können. Die Analogien zwischen völlig unterschiedlichen historischen Epochen erschweren ein Verständnis der jeweiligen Protestphänomene zuweilen eher, als daß sie es fördern.

Pross, der als Student 1947 in Heidelberg selbst auf die Straße ging, um für eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln zu demonstrieren, ist auch ein sorgfältiger Beobachter der wechselvollen Bewegungsgeschichte seit den ersten Nachkriegsjahren. An einigen Stellen lassen sich allerdings Einwände gegen seine Sicht der Dinge vorbringen. Zwar zeichnet er den Protest gegen die Wiederbewaffnung, der unter dem "Ohne mich"-Schlagwort bekannt geworden ist, nach, die wichtige Rolle der Bewegung gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen im Jahre 1958 bleibt jedoch völlig unterbelichtet. Dabei entstammen dieser "58er Bewegung" nicht wenige, die, wie Jürgen Seifert oder Ulrike Meinhof, später im SDS und in der Apo eine bedeutende Rolle spielten.