Von Christian Meier

Theodor Mommsens "Römische Geschichte" war einer der stärksten buchhändlerischen Erfolge, die je ein großes historisches Werk erzielt hat. Immer neue Auflagen, Übersetzungen in acht Sprachen, 1902 der Literaturnobelpreis; es war der zweite, der verliehen wurde. Der Ruhm dieses Werks beruhte auf den ersten drei Bänden, die er in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben hatte, der Geschichte der Republik von den Anfängen bis zu dem Zeitpunkt, an dem nach Mommsen Caesars Monarchie begründet war.

Diese Bände boten dem Publikum auf kaum mehr nachvollziehbare Weise Erfreuliches. Eine kräftige, hinreißende Sprache, entschiedene Urteile, kein Grau, sondern scharfe Zeichnung von Licht und Schatten. Ein Autor, der an seine Personen hohe Maßstäbe anlegt, der den Eindruck erweckt, eine höchst realistische, ja fast machiavellistische Auffassung von der Politik zu haben, und eben dadurch verbirgt, mit welchen Illusionen er zu Werke geht. Denn es waltet in seinen Büchern ein Handlungs-, ein Möglichkeitsoptimismus: Fast alle Situationen könnten grundsätzlich gemeistert werden.

In diesem Menschen-, diesem Politikbild ist die ganze Kraft, der Wille, die Hoffnung und der Traum jenes großen Jahrhunderts versammelt. Leisten die Personen der Geschichte, was sie sollen, erscheinen sie großartig, tun sie es nicht, so erfahren sie Spott, Hohn oder die Galle des Autors, und der Leser darf sich mit ihm in eins setzen. Haben sie wenigstens Charakter, können sie gar "das Glück nicht zwingen, aber beschämen", so läßt Mommsen ihnen gegenüber seine Ritterlichkeit walten. Und die ganze Geschichte erscheint als Weg zu immer "neuen und höheren Zielen". Kein Wunder, daß die Zeitgenossen ungeduldig auf die Fortsetzung warteten. Und man versteht ihre Enttäuschung, als ihnen nach drei Jahrzehnten, 1885, statt des vierten der fünfte Band vorgesetzt wurde, die Geschichte der Provinzen während der Kaiserzeit. Die des Imperiums im ganzen, sein "Werdeprozeß", die "Geschichte der Menschheit unter den römischen Kaisern", wie Mommsen sie hatte schreiben wollen, blieb ausgespart.

Der von Barbara und Alexander Demandt jetzt vorgelegte Band kann kein Ersatz dafür sein. Er enthält zunächst einen eindrucksvoll anhebenden kurzen Entwurf Mommsens für den Anfang des vierten Bandes, sodann vor allem die ausführlichste Mitschrift einer Folge von Vorlesungen über die Kaiserzeit, von Augustus bis Honorius, die Mommsen während vier Semestern in den achtziger Jahren hielt. Sie stammt von Sebastian Hensel, einem Urenkel von Moses Mendelssohn, sowie von seinem Sohn Paul, der damals Student war; einmal mußte auch sein Bruder Kurt einspringen. Die Entzifferung der sorgfältigen Aufzeichnungen war kaum sehr schwierig. Soweit die beigefügten Tafeln eine Kontrolle erlauben, ist nur ein Fehler festzustellen, bei einer Postkarte Mommsens: "Ihnen geht es also (nicht: wohl) wieder besser." Doch ist das wohl die Ausnahme.

Der Text ist nicht Mommsen, aber auch nicht die Mitschrift selbst, sondern es wird eine überarbeitete Version geboten. Ziel sei "die Rekonstruktion des von Mommsen Gesagten" gewesen, erfährt man mit einigem Staunen. Dabei hätte der, um alles andere beiseite zu lassen, um die ein wenig dürren Texte vorzulesen, jeweil kaum mehr als drei Wochen und nicht ein ganzes Semester gebraucht. Schwer verständlich ist auch, wieso zu einer Vorlesung von vor mehr als hundert Jahren in einigen Fällen moderne Literatur, und keineswegs nur die Arbeiten Demandts, zitiert wird, in anderen nicht, wobei weite Teile der modernen Forschung ausgeblendet bleiben müssen. Trotzdem ist die Ausgabe natürlich verdienstlich.

Nur läßt sich eben nicht leugnen, daß der Text weder ein Bild der Kaiserzeit bietet, das auch nur entfernt auf unsere Fragen antwortete (von inzwischen erzielten Forschungsergebnissen zu schweigen), noch den Mommsen der "Römischen Geschichte" zu Wort kommen läßt. Kaum Sozial-, kaum Wirtschaftsgeschichte, nichts über die anthropologischen Dimensionen der Geschichte, in denen sich damals so hochbedeutsame Veränderungen vollzogen. Dafür lange Ausführungen über die "Kriegstheater", über Verwaltung und Finanzen. Für das erste Jahrhundert wie für die Zeit ab Diocletian werden auch die Kaiser und deren Ergehen behandelt. Bemerkenswert viele Auskünfte und klare Urteile bekommt man über das Christentum, kaum hingegen über sein Aufkommen und seine vielfältige sozialgeschichtliche Verwurzelung. Und denkbar unzulänglich sind die Andeutungen zu den Ursachen des Niedergangs der Alten Welt.