Von Bernd Greiner

Die erste große Schlacht hätte ihm die Augen öffnen können. Am 2. Januar 1963 stießen südvietnamesische Truppen auf eine Einheit Vietcong. Im Kampf um einen kleinen Weiler im Dschungel Südvietnams, der als "Debakel von Ap Bac" in die Annalen des Krieges eingegangen ist, machten 350 Guerillas das schier Unmögliche wahr: Sie hielten einer vierfachen Übermacht stand und schlugen zu guter Letzt eine mit Panzerfahrzeugen und modernster Artillerie ausgerüstete und obendrein von Hubschraubern und Jagdbombern unterstützte Armee in die Flucht. Noch mehr als die Niederlage selbst schmerzte die Art, wie sie zustande gekommen war. Die Südvietnamesen hatten sich völlig passiv verhalten. John Paul Vann, der führende Kopf unter den amerikanischen Militärberatern, konnte schreien und toben, wie er wollte. Saigons Offiziere hörten nicht auf ihn; einige schienen gar schlagartig ihr Englisch vergessen zu haben. Andere fanden deutliche Worte: "Wir nehmen von Amerikanern keine Befehle an." Vann sollte bald erfahren, warum: Von Diem persönlich, dem korrupten Diktator, war Weisung ergangen, seine Truppen so gut wie möglich zu schonen. Verluste, so fürchtete er, würden die Militärs gegen ihn aufbringen und möglicherweise zum Putsch treiben. Was an diesem Regime eigentlich verteidigenswert sein sollte, fragte Vann wenig später in einem Brief an einen befreundeten Offizier. "Wenn ich 18 wäre, hier auf dem Lande lebte und die Wahl hätte, ich würde mich bestimmt der NLF (Nationale Befreiungsfront Südvietnams – B.G.) anschließen."

Aber John Paul Vann war eben kein vietnamesischer Bauer, sondern ein Kind des amerikanischen Südens, ein redneck, aufgewachsen in einem der heruntergekommensten Viertel von Norfolk, Virginia. Als er achtzehn war, im Jahre 1943, trat er in die Armee ein. Was anfänglich wie eine Flucht aus Armut und zerrüttetem Elternhaus aussah, wurde ihm zur Berufung. Er wollte "Soldat der Freiheit" bleiben. Als Präsident Truman 1947 zum Kreuzzug gegen den Kommunismus aufrief, hing ein strenggläubiger John Paul Vann an seinen Lippen. Er glaubte dem Präsidenten jedes Wort: daß sein Land zu einer führenden Rolle auserkoren; daß im Kalten Krieg der Zweck die Mittel heilige; daß Amerika streng, notfalls mit Gewalt, aber immer wohlmeinend Fortschritt und Zivilisation verbreiten werde; und daß es kein Problem auf dieser Welt gäbe, das nicht mit Geld, Technologie, Optimismus und starkem Willen zu lösen wäre. Und von allem hatte Amerika im Überfluß. Hätte Vann, so meinten seine Freunde, vierhundert Jahre früher gelebt, wäre er wohl Soldat der Gesellschaft Jesu im Dienst der Gegenreformation geworden. So aber trug er Olivgrün und wurde ein Wächter des amerikanischen Weltreiches, berühmt wegen seines halsbrecherischen Mutes und schon zu Lebzeiten eine Legende. In Korea hatte er sein Gesellenstück abgeliefert. Und in Vietnam sollte die Meisterprüfung folgen.

John Paul Vanns früher Konflikt mit seinen Vorgesetzten gehört zu den spannendsten und dennoch wenig beachteten Kapiteln des Vietnamkrieges. Was tun nach der Schlappe von Ap Bac? Von amerikanischen Bodentruppen wollte Vann nichts wissen; die Südvietnamesen sollten selbst gegen die Kommunisten kämpfen. Gewinnen könnten sie aber nur, wenn US-Offiziere Kommando führten und endlich Ordnung in den wirren Haufen brächten. "Und wenn dies nicht bald geschieht, werden wir diesen Krieg verlieren." Doch General Harkins, in den frühen sechziger Jahren der oberste US-Militär in Saigon, zeigte sich wenig beeindruckt: "We are winning." So dachte und redete ein Militär, der von der Vollkommenheit seiner und seinesgleichen Macht so eingenommen war, daß ihm darüber der Sinn für die Realität verlorenging. Wie Selbstbewußtsein zur Arroganz der Macht wird und schließlich in Selbsttäuschung umschlägt – in Harkins’ Hauptquartier war dies ebenso zu beobachten wie in der Chefetage des Pentagon, wo sie hinter vorgehaltener Hand Robert McNamara "Mr. Hybris" nannten. Schlimm genug, daß sie sich selbst in die Tasche lügen, schimpfte Vann. Noch viel mehr erregte er sich aber darüber, wie Harkins und seine Leute mit Lügen Politik machten. Karten wurden gefälscht, Kampfberichte frisiert und die Verluste des Feindes so lange nach oben korrigiert, bis der Eindruck nicht mehr von der Hand zu weisen war: Die Niederlage des Vietcong steht kurz bevor.

Offenkundig, was damit bezweckt werden sollte. Nur Erfolgsmeldungen würden zu Hause, bei Politikern, in den Medien und in der amerikanischen Bevölkerung, Zweifel am "Unternehmen Vietnam" zerstreuen und Rufe nach einem vorzeitigen Rückzug erst gar nicht aufkommen lassen. So war es denn nur eine Frage der Zeit, bis die selbstgestellte Falle zuschnappte. Als keine bürokratischen Tricks mehr über Stärke und Siege der Guerilla hinwegtäuschen konnten, hatten die USA bereits viel in Vietnam investiert. So viel, glaubten die Verantwortlichen in Washington, daß der politische Preis eines Rückzugs viel höher lag als jener, den sie für die Entsendung Zehntausender von GIs zu zahlen hatten. Was Vann unbedingt hatte vermeiden wollen, trat ein: Bald waren es mehr als hunderttausend, am Ende gar eine halbe Million US-Soldaten. Der Krieg in Vietnam wurde zu einem amerikanischen Krieg.

Auch andere Historiker haben sich mit diesem "Geschäft mit der Lüge" befaßt und es brillant analysiert – man denke etwa an John Newmans neues Buch "JFK and Vietnam" oder die schon älteren Studien von George C. Herring und Stanley Karnow. Neil Sheehans Buch aber ist auf bemerkenswerte Weise anders. Wohl deshalb, weil er den Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird, eher wie ein Schriftsteller entfaltet und daher vieles im Blick hat, was herkömmlichen Geschichtsschreibern entgeht, ist es doch nicht immer in Archivakten schwarz auf weiß vermerkt. Dies ist das Buch eines Reporters, der in jungen Jahren auszog, um von den Kriegsschauplätzen in Südostasien zu berichten, wie Amerika das Gute über die Welt brachte. In John Paul Vann hatte er, wie viele andere aus seiner Generation der "missionarischen Ahnungslosen", bald seinen Helden gefunden. So sollte es bleiben, bis Sheehan selbst der "großen Lüge" auf die Spur kam und in der New York Times darüber schrieb. Danach interessierten ihn andere Dinge: Wie Gewalt entsteht, warum und wie sie sich gegen andere richtet und wie sie schließlich auf ihre Urheber zurückfällt. Das selbstzerstörerische Leben des John Paul Vann gerät ihm zum Spiegel einer Gesellschaft, die in Vietnam ihre Investitionen in die eigene Zukunft verspielte.

Ohne Krieg konnte John Paul Vann nicht leben. Nachdem er im Sommer 1963 aus Verärgerung über die starrköpfige Bürokratie, die sich beharrlich seinen Vorschlägen verweigerte, den Dienst quittiert hatte, hielt es ihn nur wenige Monate in den USA. Als Zivilist in Diensten der Agency for International Development (AID) kehrte er alsbald nach Vietnam zurück. Selbstbewußt wie eh und je, glaubte er den "Schlüssel zum Sieg" gefunden zu haben. Die Guerilla-Verbände wollte er aufreiben und die Bauern mit sozialen Reformen gewinnen. "Dem Vietcong die soziale Revolution entreißen", umschrieb Vann seine Arbeit im Mekong-Delta, "Pazifizierung" hieß es weniger pathetisch im Jargon der Bürokraten. Und wieder einmal stilisierte sich John Paul Vann in der Rolle des einsamen Rufers in der Wüste. Jeder wußte, daß die Beamten der AID von vietnamesischer Geschichte, von Land und Leuten, über die sie so vollmundig sprachen, keine Ahnung hatten. Vann zumal, dessen einschlägige Kenntnisse auf die Öffnungszeiten von Bars und Bordellen beschränkt blieben. In einer Zeit allerdings, als General Westmoreland eine Politik der verbrannten Erde betrieb und die US-Luftwaffe den vietnamesischen Bauern ihre Sympathien für den Vietcong mit Bomben austreiben wollte, schien Vanns Konzept der "Befriedung" eine plausible und in jedem Fall weniger gewalttätige Alternative.