Von Klaus Pokatzky

Eine (Wende-)Zeit lang, Anfang 1990, handelten die Medien ihn schon als zukünftigen Ministerpräsidenten einer demokratischen DDR: den Mitbegründer und Vorsitzenden der Ost-SPD Ibrahim Böhme. Doch dann wurden die Sozialdemokraten bei den Volkskammerwahlen am 18. März zur Zwanzigprozentpartei ernüchtert, der Spiegel guckte in seine Aktenschränke, und kurz darauf ging Böhme den Stasi-gepflasterten Weg so vieler DDRler: IM wie Ibrahim Manfred wie Inoffizieller Mitarbeiter.

Ein schöner Journalistentraum: den in die Versenkung Abgetauchten aufspüren; ihn zum Reden bringen; herauskriegen, wie so jemand in die Fänge der Staatssicherheit gerät und dazu gebracht wird, seine besten Freunde zu verraten. Birgit Lahann, Autorin des stern, hat das versucht – und ist grandios gescheitert. Heraus kam nämlich nicht die Generalbeichte, sondern ein aberwitziges Dokument menschlicher und gesellschaftlicher Schizophrenie. Der Versuch einer Biographie und zugleich Erkundungsreisen in ein politisches System, das immer noch für neue Überraschungen gut ist: 252 peinigende, voyeuristisch-spannende, peinlich berührende Seiten. Wer sich auf sie einlassen will, muß sich lesend auf die verbale Gratwanderung einlassen, die Birgit Lahann in den zahllosen Gesprächen mit Ibrahim Böhme absolvieren mußte – ein bißchen schizophren muß der Leser auch schon sein.

Präsentiert werden mindestens zwei Böhmes. Der eine streitet strikt alles ab, stellt sich selbst als Stasi-Opfer dar, das sogar im Gefängnis gesessen haben will. Der andere läßt, mal zwischen den Zeilen, mal augenzwinkernd, durchblicken, daß es doch so gewesen sein kann, wie es sich nach Aktenlage und den Erzählungen etlicher Freunde und Weggefährten darstellt, die Birgit Lahann nicht nur penibel befragt hat, sondern nun auch in Miniportraits zwischen "die zwei Leben des Ibrahim Böhme" einschiebt.

Diese leisen und diese lauten Oppositionellen gegen das SED-System, die auch via Böhme Eingang in die Stasi-Akten fanden, reagieren heute in allen Variationen auf den Verrat: von Wut über Empörung bis zu nach wie vor unverbrüchlicher Freundschaft. Die einen hätten ihm so etwas nicht zugetraut, die anderen hatten immer schon einen leisen Verdacht – was sie nicht hinderte, dem charmanten Plauderer mit den großen Ohren, dem hilfsbereiten Kinderhüter, alles zu erzählen, was er hören wollte. Die Stasi mal nicht als Loestscher Eckermann, sondern als so banale Alltäglichkeit, daß dann, in Mielkes Namen, selbst der beste Freund dabeisein mag.

Trotz der vielen Lebenszeugen, die Birgit Lahann zitiert, bleibt doch das meiste aus der Vita des Ibrahim Manfred Böhme ungesichert. Eine Herkunft aus dem Dunkel, auch später bleibt es um ihn immer reichlich geheimnisumwittert; was er der Autorin erzählt hat, oft genug noch in sich widersprüchlich, noch öfter von den einstigen Freunden bestritten, stimmt zu einem großen Teil sicherlich nicht, der Rest kann stimmen oder auch nicht – des Lesers Phantasie und seine Bereitschaft zur Spekulation sind heftig gefragt. Wie eine Gestalt von Dostojewskij empfindet Birgit Lahann den "Genossen Judas"; nun ja: aber dann doch wohl eher in der hausbackenen Version des SED-Miefs, der in seinen Berichten an die Staatssicherheit so lustig drauflosfabulierte, daß irgendwann selbst Mielkes Mannen genug von ihm hatten.

Wenn man der Autorin folgen mag, und es spricht eigentlich wenig dagegen, dann lebte ihr verhindertes Beichtkind seine "gespaltene Persönlichkeit" bereits zu DDR-Zeiten extensiv aus: der eine Böhme ganz ehrlich dezent oppositionell, der andere Böhme ein überzeugter Träger von Schild und Schwert der Partei der Arbeiterklasse, das Heimkind eben, das die Stasi zum Familienersatz erkor. Als Spitzel dürfte Böhme somit ein Unikum gewesen sein, als Schizo-Typus hingegen ein wahrer Repräsentant seines Volkes, das sich ja auch so eingerichtet hatte: Hie Betriebskampfgruppe, da Datscha, hie Gesellschaft für deutschsowjetische Freundschaft, da Trabi, hie 1.-Mai-Parole, da "ihr könnt mich alle mal".