Von Christoph Meckel

Zum erstenmal nach sechzig Jahren erscheint die legendäre Autobiographie des Malers und Zeichners Rudolf Schlichter (1890 bis 1955), monumentale Prosa in zwei Bänden: „Das widerspenstige Fleisch“, 1932, und „Tönerne Füße“, 1933. Der erste Band wurde wahrgenommen und rezensiert, der zweite in der Druckerei von Nazis beschlagnahmt und vernichtet. Ein paar Exemplare konnten gerettet werden – vermutlich von einem Drucker – und geisterten durch die Jahrzehnte. Die hellsichtige Rezension zum ersten Band schrieb Walter Benjamin. Er nannte das Buch eine „antiklassische Autobiographie – sie trägt die deutlichen Symptome der Krise, die das Ideal ergriffen hat“. Der geplante dritte Band wurde nicht geschrieben. Schlichter galt als entartet, wurde denunziert, ins Gefängnis geworfen und hatte keine Chance mehr.

Neben Otto Dix, Karl Hubbuch und George Grosz (der ihn den „Klügsten von uns allen“ nannte, sein enzyklopädisches Wissen bewunderte) war Schlichter ein Meister der Neuen Sachlichkeit. Wie die Freunde zeichnete er die modernen Zeiten, die Folgen des Weltkriegs, Großstadt, Lustmord, Bordell und Proletariat. Mit Hubbuch, der aus Karlsruhe kam, verband ihn die süddeutsche Provinz: Man zeichnete Sägewerk und Bauernstammtisch. 1920 kam Schlichter nach Berlin, trieb sich im Dadaismus herum, engagierte sich in linken Künstlergruppen, war befreundet mit Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf und Egon Erwin Kisch, die er hart und scharfsinnig portraitierte. Er illustrierte ungewöhnlich viel und gut (Oskar Wilde, Walter Mehring, die Reiterarmee von Isaac Babel), aquarellierte mit großer Fortune und brillierte als raffinierter und delikater erotischer Zeichner. Ende der zwanziger Jahre zog er sich aus aktuellen politischen und ästhetischen Debatten zurück, versteckte sich vor den Nazis in Schwaben, malte 1937 die Allegorie „Blinde Macht“, die ihn berühmt und bei den Nazis unbeliebt machte, sein Standardwerk. Den Krieg überlebte er in München, untergetaucht in katholischen Kreisen um die Zeitschrift Neuland. Eine Bombe vernichtete sein Atelier und Teile des Werks. Nach dem Krieg tauchte er als Surrealist wieder auf, malte sonderbar literarische, abgestandene Weltendszenen, verteidigte die gegenständliche Kunst und die eigene Position in eloquenten Aufsätzen und blieb als Zeichner bedeutend bis zuletzt.

Es ist, glaube ich, nie untersucht worden, warum und wie die Künstler der Neuen Sachlichkeit sich nach 1933 veränderten, ihre Malerei an Qualität verlor, während sie als Zeichner auf der Höhe blieben. Die späten Collagen und Rattenzeichnungen von Grosz sind außerordentlich, wie die letzten Selbstbildnisse von Dix und die Zeichnungen Schlichters. Es könnte am kleineren Format gelegen haben, am nichtoffiziellen Charakter der Zeichnung, die weniger Aufwand erforderte, leichter zu handhaben und zu verbergen war.

Schlichters Autobiographie, Sprachkraft, Mitteilungsweise und Selbstdarstellung, unterscheidet sich völlig von Büchern anderer Künstler wie Ernst Barlach, Carl Hofer oder Emil Nolde. Selbststilisierung, literarische Absicht, gepflegte Manier fehlen vollkommen. Es handelt sich um eine komplexe, epische Darstellung der Herkunft, Kindheit und Jugend Schlichters in Calw an der Nagold, einer innerschwäbischen Kleinstadt, aus der auch Hermann Hesse kam. Der Verfasser hat den bösen Blick: unbestechliche Hellsicht, die das Vorhandene festhält, erkennt, durchschaut, aufspießt und voll Abscheu zurückläßt: den schlechten Zustand des Menschen und der Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein bedeutendes, kaum vergleichbares, konkretes wie visionäres Panorama deutscher Hölle von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg und ist ein Schwabenspiegel kompakter Art.

Alltäglichkeit der zum Himmel stinkenden Kleinstadt, Milieu der Fachwerk- und Kartoffelbürger, Arbeiter und Landleute, Christen und Juden, muffiger Häuslichkeiten und Lebenslügen, hübscher Schlampen und armer alter Weiber, exakte Portraits der Mutter und der Geschwister, der Freunde, Mitstudenten, Professoren und Nachbarn.

Der erbarmungslos beschriebene Rudolf S., im Provinzleben zappelnd wie der Frosch in der Milch, verirrt sich allein oder im Verein seiner Kunst- und Krawallgenossen in jeden zeit- und altersbedingten Unsinn, rutscht in schiefen Lagen haltlos herum, imitiert und trompetet die Parolen der Zeit: Haß auf den Bürger, Vergottung von Häßlichkeit, Dekadenz und Boheme, Prostitution und Kommunismus, Nietzsche, Richard Wagner und Karl May, Dostojewski und Kolportageroman. Er schickt, mit Erfolg, die Geliebte auf den Strich und versucht sich, erfolglos, als Strichjunge in Berlin. Fast alles mißlingt ihm. Rudolf S. durchleidet seine eigenen Höllen, ohnmächtig, überreizt, erkennt das Falsche der Zeit und des eigenen Zustands und versucht, sich davon zu befreien. Er liest viel und kann früh zeichnen. Das kam von den altdeutschen Meistern, danach von Menzel: alles zeichnen zu können, was man sieht. Schlichter und seine Freunde konnten das. Der Autobiograph hat davon profitiert.