Theodor Mommsen, 1817 in Garding bei Schleswig als Sohn eines Pfarrers geboren, ist der Öffentlichkeit vor allem durch seine bedeutenden Schriften zur römischen Geschichte bekannt geworden. Über die persönlichen Seiten dieses weltweit anerkannten Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers wissen wir nur wenig. Seine Tochter Adelheid, zehntes von insgesamt sechzehn Kindern, hat in ihre Kindheit und Jugend zurückgeblickt und uns teilhaben lassen an ihren liebevollen, innigen Erinnerungen an den Vater.

Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit prägten das Leben dieser vielköpfigen Familie. An Essen und Kleidung wurde bis zum äußersten gespart. Das entsprach der Lebenshaltung der Eltern und der festen Überzeugung, „daß es so für die Kinder am besten sei“. An geistiger Anregung und Ansprache mangelte es hingegen nie. Die zahllosen Bücher, überall im Hause verteilt – jede freie Wand, selbst im Treppenhaus und in den Fluren, wurde für Bücherregale genutzt – waren auch den Kindern zugänglich. Bisweilen überforderte der belesene Vater, „der seinen Goethe kannte wie wenige“, vielleicht die Kinder, wenn er für sie Lektüre auswählte. Verboten war ihnen allein das Zeitungslesen. Denn Sensationen und Unglücksfälle sollten ihrem Gemüt strikt ferngehalten werden. Über Politik, Kunst und Wissenschaft sowie über persönliche Belange wurde jedoch im Kreise der Familie und Freunde – Mommsen war überaus gesellig – oft und ausgiebig gesprochen. Die Kinderschar, die hier heranwuchs, so Adelheid Mommsen, „atmete eine gesunde Luft“.

Im Hause schaltete und waltete die Mutter, eine selbstlose, stille, gütige und warmherzige Frau. Adelheid rühmt das einzigartige Verhältnis der Eltern zueinander. Sie, von ihm liebevoll „Du Segen unserm Haus“ genannt, ergänzte ihn, war ruhiger Ausgleich für den leicht erregbaren und leidenschaftlichen Gelehrten und verstand es, mit seinen gelegentlichen depressiven Stimmungen umzugehen. Den Vater, eigentlicher Mittelpunkt der Familie, erlebte die Tochter als im Grunde zurückhaltende, scheue Natur, der aber „sein weiches Herz nicht zeigen wollte“. Er, der seinen kleinen Garten und seinen Hund sehr liebte, brauchte die Geborgenheit der Familie. Die Abende verbrachte er meist mit allen zusammen im Wohnzimmer; dort arbeitete er dann trotz des Lärms weiter. „Er antwortete auf jede Frage“, erinnert sich Adelheid, „und wir hatten nie das Gefühl, ihn zu stören“. Auch seine Enkelkinder waren ihm stets willkommen, selbst in seinem Arbeitszimmer. Auf seinem Schreibtisch hatte nicht nur ein Kästchen mit „Enkelfutter“ seinen festen Platz, sondern auch Spielzeug für sie, „gleich rechter Hand neben Stößen von Konzept- und Briefpapier eine Schachtel Soldaten, eine Eisenbahn und ein schönes Stoffschwein“.

Adelheid Mommsen, die dank väterlicher Förderung und Unterstützung Lehrerin und später Leiterin einer Privatschule wurde, erzählt in schlichten und einfachen Worten vom täglichen Leben, läßt eine Fülle von Erlebnissen und Begebenheiten lebendig werden und zeichnet so ein stimmungsvolles Bild einer deutschen Gelehrtenfamilie um die Jahrhundertwende in Berlin.

Gisela Heitkamp

  • Adelheid Mommsen: Mein Vater

Erinnerungen an Theodor Mommsen; Verlag Matthes & Seitz, München 1992; 183 S., Abb., 36,– DM