Von Christian Wernicke

Das kleine mittelamerikanische Land macht keine Schlagzeilen mehr. Die Welt hat andere Sorgen. In Somalia versucht die Völkergemeinschaft, Hunderttausende vor dem Hungertod zu retten; im ehemaligen Jugoslawien beißen sich die Vereinten Nationen und die Europäische Gemeinschaft die Zähne aus an völkischen Nationalisten, die seit dem Untergang der Nachkriegsordnung schon mehr als vier Dutzend Waffenstillstände zerschossen haben. Da bleibt wenig Aufmerksamkeit für die gute Nachricht aus El Salvador, wo tausend UN-Beobachter ein einmaliges Experiment verfolgen: Wie gelangt eine von zwölf Jahren Militärterror und Guerillakampf zerrissene Gesellschaft – kriegsmüde und doch aus eigener Kraft – zum Frieden?

Seit neun Monaten schweigen die Waffen. Am 16. Januar dieses Jahres haben der nationalkonservative Präsident Alfredo Cristiani und der kommunistische Guerillakommandant Shafik Handal in Mexiko das militärische Patt in ihrer Heimat anerkannt. Über 75 000 Tote seit 1979 bewiesen ihnen: In diesem Bürgerkrieg können beide Seiten nur verlieren. Nun gewinnt das Sechsmillionenvolk die Zuversicht wieder.

In der Hauptstadt San Salvador sind an den Straßenkreuzungen die Barrikaden und Schießstände der Militärs verschwunden. Baustellen untermauern, daß wieder in die Zukunft investiert wird. In den fünfzehn Lagern, in die sich die Befreiungsbewegung Farabundi Marti (FMLN) inzwischen zurückgezogen hat, versanden die Schützengräben. Unter Bäumen sitzen junge Guerilleros. Sie lernen Rechnen und Schreiben; die Kalaschnikow lehnt an der Hauswand. Vergangene Woche kam sogar einmal das staatliche Fernsehen vorbei – als die Guerilla nach zähen Verhandlungen schließlich einwilligte, das zweite Fünftel ihrer insgesamt 8300 compañeros zu entwaffnen. Lächelnd warfen sie die Gewehre in einen Blechcontainer der Vereinten Nationen.

Wandel für Waffen, Demokratisierung des Staates gegen Demobilisierung der Rebellen – der salvadorianische Friedensprozeß ist ein zähes Geschäft. Doch der politische Tauschhandel gedeiht. Die Regierung Cristiani hat gemäß dem 85 Seiten starken Waffenstillstandsabkommen eine Vielzahl von Reformen in Justiz, Armee und Politik eingeleitet; die FMLN bezahlt mit ihrem einzigen Faustpfand, indem sie in fünf Raten ihre Kampfverbände auflöst. Zwar ist der minutiöse Zeitplan in Verzug geraten. Bis zum 31. Oktober, dem offiziellen Schlußdatum für diese Abrüstung einer Gesellschaft, werden beide Seiten kaum ihre Verpflichtungen erfüllen. Aber ein Rückfall in die Gewalt erscheint allen "unvorstellbar".

Auch Shafik Handal gibt sich im Gespräch optimistisch: "Der Wandel stolpert von Krise zu Krise – aber wir erleben dennoch jeden Tag Fortschritte." Der taktisch kluge Kopf unter den fünf FMLN-Kommandanten verkörpert wie kaum ein anderer die historischen Veränderungen in El Salvador. Einst wurde der Sohn eines palästinensischen Einwanderers von Todesschwadronen gejagt. Im Washingtoner Jargon des Kalten Krieges hieß er noch Anfang der achtziger Jahre der "Arafat Lateinamerikas". Damals leisteten die Vereinigten Staaten täglich bis zu einer Million Dollar Militärhilfe an die Rechtsdiktatur in ihrem Hinterhof. Der inzwischen 62jährige Handal reiste derweil nach Havanna oder Moskau und erbat Munition und Waffen für den Klassenkampf.

Doch der Zusammenbruch des sozialistischen Imperiums ließ Handais Quellen versiegen. Gleichzeitig erlebte auch die rechtsradikale Arena-Partei, die 1989 mit Alfredo Cristiani gerade die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, wie plötzlich die Hilfsströme aus Washington austrockneten. Während auf dem Balkan, im Kaukasus oder am Horn von Afrika alte ethnische Konflikte aufflackerten, erschien der blutige Kampf zwischen rechts und links wie ein antiquierter Stellvertreterkrieg in einer untergegangenen Weltordnung. El Salvador begann seine Opfer zu zählen: Tote in bald jeder Familie, eine ruinierte Wirtschaft, eine Gesellschaft, die nach fast sechzig Jahren Diktatur zu zwei Dritteln in Armut verharrte. Die Erschöpfung bahnte der Einsicht den Weg.