Auf die Frage, welche Absichten er mit dem Roman „Madame Bovary“ verfolgt habe, soll von Flaubert die Antwort gekommen sein: Er habe mit der Geschichte der Emma ein Gefühl beschreiben wollen, das ihm beim Anblick einer von Salpeter zerstörten Pissoirwand überkam. Er habe beschreiben wollen, wie sich die Farbe von ihrem Untergrund abhebt und zur Erde herabbricht. Diese lakonische Bemerkung ist ein Verweis darauf, daß dem nachromantischen Dichter Stoff und Sinn eines Textes nicht kongruent sind. So beginnt die literarische Moderne. Sie enthält schon das Leiden des Sprechenden daran, das Subjekt im Gesprochenen nicht repräsentiert zu finden. Und damit sind wir mitten im Sprachlaboratorium des Wolfgang Hilbig.

Hilbig, ein grandioser Nachfahre Flauberts und wie dieser darauf bedacht, die Auflösung von Materie zu beschreiben und Zeit zum Verschwinden zu bringen, schreibt: „Doch es gibt in keiner Sprache ein Zeichen für das, was sie bedeckt, es bleibt uns nichts als ein Benehmen von Lebenden.“

Übergangslos stößt der passionierte Erzähler Hilbig seine Leser aus der beabsichtigten Langeweile akribischer Detailschilderungen in die Vorhölle: „...verschlissene, alte Vetteln, uralt und irrsinnig, mit rotbemalten langen Fingernägeln; junge Frauen, die schon seit Jahren verwelkt und völlig verrückt waren, ohne Busen, nichts, wenn er mit den Fingern über ihre unteren Bäuche fühlte, spürte er nichts, keinen Widerstand, nicht den geringsten Vorsprung, keine Erhebung, keinen Haken, der sich unter dem schlüpfrigen Tuch verbarg, und seine Hand rutschte ins Leere.“ Begreift man diese ins Leere rutschende Hand als Metapher für Hilbigs Realitätsverständnis, dann versteht sich von selbst, daß dieser Autor dem merkwürdigen öffentlichen Literaturbetrieb der DDR nur ein Fremdkörper sein konnte.

Ehe die DDR zugrunde ging, war sie eine Art Megamaschine, die Ersatzwirklichkeiten und Illusionsgeborgenheiten produzierte. Die Literatur hat einen zweifelhaften Anteil an diesem Spiel: Sie hat den utopischen Imperativ am Leben erhalten, anstatt Klartext zu sprechen und das zerstörte Verhältnis zur Realität zu korrigieren. Was als Fragestellung in den öffentlichen Diskurs übernommen werden sollte, bedurfte einer vorherigen Problematisierungserlaubnis. Mit Versen wie: „o welch ein Land welch blauer geruch erleuchteter / kneipen der einfriert im gezweig der todgeweihten / ulmen: veilchenduft erbrochenes im Spülbecken / hierzuland herrscht gräßlicher januar hyperboräische / himmel bersten von Sternen glasige eiserde starrt / aus der leere...“ schloß sich Hilbig, wie Adolf Endler schreibt, selbst aus dem Schriftstellerverband aus.

Das Verhältnis des Intellektuellen zur Arbeiterschaft ist Thema der frühen, in den sechziger Jahren entstandenen Gedichte von Wolfgang Hilbig. In aller Schonungslosigkeit schreibt er über die Arbeiter: „Tatsächlich, alle waren sie Funktionäre, ... ihre Funktion war es, Masse zu sein, ausreichend voluminös, um einer Verwaltung für Innere Fragen die Existenz zu garantieren.“ Wolfgang Hilbig, der lange Zeit als Heizer gearbeitet hat, weiß, wovon er spricht, wenn er die Arbeitswelt beschreibt. Und indem er sie gnadenlos betrachtet, gibt er ihr ihre Würde zurück. Solche Würde beginnt am Ende der Illusionen, an jenem Grenzpunkt, an dem alle Hoffnung zerstörerisch wird und den man gewöhnlich nicht überschreitet. Es sein denn, man ist ein Mensch wie Wolfgang Hilbig. Die treffliche Werkauswahl, die Thorsten Ahrend besorgt hat, ist auch eine Studie zur Krankengeschichte der DDR. Kurt Drawert

Wolfgang Hilbig: Zwischen den Paradiesen

Prosa und Lyrik, mit einem Essay von Adolf Endler; Reclam Verlag, Leipzig 1992; 350 S., 16,– DM