Von Michael Bauer

Norbert Gstrein ist Österreicher, Naturwissenschaftler und ein sprachgewandter Erzähler, dessen Themen die Ängste Heranwachsender, das Scheitern von Lebensentwürfen und die Todessehnsucht sind. Vergleiche liegen auf der Hand, doch wird man dem einunddreißigjährigen Tiroler damit nicht gerecht.

Die Leser seines ersten Buches, „Einer“, begeisterte Norbert Gstrein 1988 durch die ausgereifte Sprache einer Erzählung, die in den Bergen spielt und in alptraumhafte Abgründe blicken läßt. Jakob soll abgeholt und eine geschlossene Anstalt gebracht werden. Während auf einer Küchenuhr nur wenige Stunden verstreichen, entwickelt die Erzählung aus Erinnerungen der Mutter, der Brüder und einiger Bekannter die langsame, unaufhaltsame Dissoziation von Jakobs Persönlichkeit. Anfangs war er nur ein lesender Sonderling; als er mit fünfzehn Jahren aus der Stadt in den elterlichen Dorfgasthof zurückkehrt, haben ihn die psychischen wie physischen Grausamkeiten seiner Mitschüler gebrochen. Dem Tod des Vaters und der unerwiderten Liebe zu Hanna folgen für Jakob Sprachverlust und Rückzug in eine nur ihm zugängliche Gegen weit.

Dem in „Einer“ geschilderten Persönlichkeitszerfall entspricht in Gstreins zweiter Erzählung „Anderntags“ der Versuch des Ich-Erzählers, sich den Tod seiner Freundin schreibend begreifbar zu machen. Von der sprachlichen Genauigkeit und der beklemmenden Verzweiflung des Erstlings blieb in der 1989 erschienenen zweiten Buchveröffentlichung Gstreins kaum mehr als ein mühsam konstruiert wirkendes Geflecht aus verschiedenen Zeitebenen und wechselnden Erzählperspektiven. Der Mathematiker Gstrein hatte den Schriftsteller zwischen Reißbrett und Schreibtisch matt gesetzt. Um so größer sind die Erwartungen an sein Romandebüt.

Wie in „Einer“ beschränkt sich die Erzählzeit in diesem Roman auf wenige Stunden, während sich die erzählte Zeit über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Einen Abend lang fordert Kreszenz ihre stumm am Tisch sitzenden Brüder Vinzenz und Moritz vergeblich auf, endlich zu reden und von Magda zu erzählen. Verständnislos sitzt Kreszenz den schweigenden Brüdern gegenüber. Was sie untrennbar miteinander verbindet, sind die Jahre der Kindheit. „So oder so, ein Unglück kam zum andern, und zusammen ergab das die viel beschworene glückliche Kindheit.“ Gemeinsam ist ihnen die Erinnerung an den strengen Vater, der sie prügelte und demütigte, um sie zu Siegern zu erziehen; gemeinsam sind ihnen auch der Erfolg und das Scheitern, als Slalomläufer der eine, als Naturwissenschaftler der andere. Gstrein läßt die beiden Brüder und Doppelgänger im schnellen Wechsel aus der sieht des jeweils anderen erzählen. Nicht die Siegesfeiern des Sportlers, nicht die akademichen Würden des Mathematikers sind von Beang, sondern ihr gemeinsames Schweigen.

In seinem Debütroman hat Norbert Gstrein den Gasthof, das Dorf und das enge Tal seiner leiden vorangegangenen Erzählungen geöffnet. £war greift er verschiedene Motive noch einmal auf, doch konfrontiert er jetzt die Weltsicht des Sonderlings mit dem ganz normalen Wahn seiner Mitmenschen, deren Todessehnsüchte und Ängste auf Hochzeiten kultiviert werden, in Reihenhäusern und an ordentlich aufgeräumten Schreibtischen. Norbert Gstrein psychologisiert nicht, er zeigt die Welt der Sieger wie auch die Gegenwelt derer, die nicht daran teilnehmen wollen – indem er ihre Sprache vorführt. Während der „über alles verehrte, verachtete Vater“, in dessen Welt es nur Sieg oder Niederlage gibt, anfangs in einem „Register“ über die laufenden Ausgaben Buch geführt hat, schreibt er im Alter einen Roman, in dem sich Satz für Satz das schlichte Muster eines banalen Weltbildes spiegelt. Der Roman im Roman ist zugleich Literatursatire und kleine Poetologie des Autors.

Norbert Gstrein mißtraut einfach erzählten Geschichten und legt seinen Roman symmetrisch an: Prolog, erster Teil, Intermezzo, zweiter Teil, Epilog. Die formale Ordnung durchbricht er durch Rückblenden und bewußte Irritation des Lesers. In einer der nicht konsequent eingeschobenen „Regieanweisungen“ heißt es im Roman: „Zugleich wirkten allzu simpel gestrickte Geschichten stets suspekt, mit Einleitung, Hauptteil und Schluß, wie in der Schule, und wir hatten meistens schon genug, wenn wir vom notwendigen Lauf einer Handlung nur hörten.“