DÜSSELDORF. – Das Buch, das dieser Tage auf den Markt kommt, liest sich wie ein Abgesang. "Johannes Rau. Lebens-Bilder" heißt es und enthält Texte, die der nordrhein-westfälische Landesvater in vierzig Jahren verfaßt hat, von seinen ersten journalistischen Arbeiten für die Westdeutsche Rundschau ("Ist der Mensch nur ein Rädchen?") bis zu einer Rede vor der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer ("Nordrhein-Westfalen auf dem Weg in das Jahr 2000"). Dazu viele Photos, zum Teil aus dem Rauschen Familienarchiv ("Der Sechzehnjährige im Zeltlager der Schülerbibelkreise").

Die beiden Herausgeber, Rüdiger Reitz und Manfred Zabel, konnten nicht vorhersehen, daß ihr Buch zu einem Zeitpunkt erscheint, da sich zahlreiche Spekulationen um Johannes Rau drehen, bis hin zu der Frage, ob er sein Amt wieder aufnehmen werde. Ende Juli war dem 61jährigen Politiker in der Hamburger Universitätsklinik wegen eines bösartigen Tumors die linke Niere entfernt worden. Und die Genesung verläuft schwieriger als erwartet.

"Es geht langsam voran, langsamer, als ich mir das erhoffte", schrieb der Rekonvaleszent kürzlich an seine Genossen in der Fraktion, versicherte aber zugleich, daß er zurückkommen werde: "So werde ich noch etliche Wochen brauchen, bis ich meine Arbeit wieder so tun kann, wie ihr es kennt und wie ich es gewöhnt bin. Darauf freue ich mich."

Frühestens im November wird Rau zurück erwartet. Dabei wären seine Anwesenheit und Entschlußkraft gerade jetzt dringend notwendig. Schon vor seiner Operation war die Erosion der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr immer offenkundiger geworden. Eine größere Kabinettsumbildung, wie sie auch aus den Reihen der Partei selbst gefordert wird, schob der Ministerpräsident immer weiter vor sich her.

Doch nun überschlagen sich die Ereignisse, und der Regierungschef ist nicht an Deck. Arbeitsminister Hermann Heinemann trat unlängst wegen eines sogenannten "Drehbuchs" zurück, das der Spiegel veröffentlicht hatte. Beamte des Arbeitsministeriums wollten mit dem über 130 Seiten starken Werk ihren Chef auf seinen Auftritt vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß vorbereiten. Der Ausschuß soll Heinemanns Rolle bei der Vergabe von 26 Millionen Mark Fördermittel an das private Entwicklungs- und Forschungszentrum für Mikrotherapie in Bochum erhellen (DIE ZEIT Nr. 25/92). Alle "nach der Aktenlage denkbaren Fragen" haben die Ministerialbürokraten aufgeschrieben und rund dreihundert Antworten dazu. In einzelnen Fällen, so die Empfehlung, seien Fragen "am besten mit Nichtwissen’ zu beantworten".

Für die oppositionelle CDU liest sich das "Drehbuch" wie eine "Anleitung zur Irreführung des Parlaments". Außerdem sei dadurch evident geworden, daß Heinemann dem Kontrollgremium 24 Akten vorenthalten habe, meinte der CDU-Obmann im Ausschuß, Hartmut Schauerte. Diese "Vertuschung" könne auch strafrechtliche Folgen haben. Noch mehr erzürnte die CDU ein zweites geheimgehaltenes Werk, ein zehnseitiges "Strategiepapier", das über das "Drehbuch" noch hinausgeht. Darin wird eine gemeinsame Vorgehensweise von Arbeitsministerium und SPD im Ausschuß skizziert. Der SPD-Obmann in dem Gremium, Ernst Walsken, und Heinemann hatten sich zuvor darüber beraten. CDU-Fraktionschef Helmut Linssen sieht darin "antiparlamentarisches Denken" und einen weiteren Beleg für die "Verquickung von Machtapparat und SPD-Fraktion". Heinemanns Rücktritt war unausweichlich. Doch Johannes Rau verfolgte die Krise nur aus der Ferne. Vergeblich hatte ihn die CDU aufgefordert, sich trotz seiner angeschlagenen Gesundheit in die "Drehbuch"-Affäre einzumischen und zu handeln. Nicht einmal ein Nachfolger wird benannt, solange Rau nicht da ist. Justizminister Rolf Krumsiek soll das Arbeitsministerium bis November kommissarisch mitverwalten.

Raus Abwesenheit macht jetzt deutlich, wie stark Landespartei und Regierung von ihm abhängen. "Rau ist wirklich zu einem Phänomen geworden, wie es das in deutschen Landen kaum noch gibt", meint Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. "Er symbolisiert eine SPD, wie die Leute sie haben wollen und wie sie in Bonn nicht mehr ist." Die Menschen brächten ihrem Landesvater "grenzenloses Vertrauen" entgegen, weil er ihnen das Gefühl vermittle, "er kümmert sich um die kleinen Leute". Güllner: "Von Engholm bis Klose hat man dieses Gefühl nicht." Raus Ausstrahlung sei so mächtig, "daß eigentlich alle Minister fast machen können, was sie möchten".