Von Ludwig Siegele

Das Dementi war fast schon eine Beleidigung. „Wie konnten Sie nur auf diese Idee kommen?“ fauchte Bundeskanzler Helmut Kohl Ende vergangener Woche in Brüssel einen Journalisten an, der sich nach einem möglichen Geheimabkommen zwischen ihm und dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand erkundigte. Die britische Wochenzeitung The European hatte nämlich berichtet, daß die beiden Politiker sich vergangene Woche in Paris darauf geeinigt hätten, Mark und Franc künftig in einer faktischen Währungsunion zusammenzubinden.

Ob Sensation oder Falschmeldung – so abwegig ist die Frage nicht, vor allem aus französischer Sicht: Jenseits des Rheins setzt sich die Auffassung durch, daß nur eine engere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich in der Geldpolitik die derzeitige Pariser Wirtschaftspolitik und damit auch die Pläne für eine europäische Währungsunion retten kann. Selbst Europaministerin Elisabeth Guigou will ein. „Europa der mehreren Geschwindigkeiten“ nicht mehr ausschließen.

Das mag überraschen. Denn bisher hatte sich Frankreich einhellig dagegen gewehrt, zusammen mit Deutschland in der Geldpolitik vorzupreschen und sei es auch mit den Beneluxländern im Gefolge. „Eine Währungsunion ohne die Gründungsmitglieder der EG – das schien uns unvorstellbar“, erzählt Michèle Debonneuil, früher Beraterin im Finanzministerium und heute Chefökonomin der Bank Indosuez, „aber wenn jetzt nichts passiert, dann glauben die Märkte, das Europäische Währungssystem sei tot.“

Der Gesinnungswandel hat eine lange Vorgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Abwertung für Frankreichs Politiker jahrzehntelang eine Droge, um französische Waren im Ausland schnell wettbewerbsfähiger zu machen. Doch die Änderung des Wechselkurses dopte die Exporte nur kurzfristig: Weil sie auch die ausländischen Waren in Frankreich teurer machte, stieg dort die Inflation. Dadurch verloren die Produkte made in France ihren Wettbewerbsvorteil wieder – bis zur nächsten Abwertung.

Erst 1988 gelang die Entziehungskur endgültig. Seitdem versucht es der heutige Premier- und frühere Finanzminister Pierre Bérégovoy praktisch umgekehrt: keine Abwertungen und niedrige Inflation. Und das Rezept ist erfolgreich: Weil die Preise mittlerweile fast überall schneller steigen als in Frankreich, wird die dortige Industrie immer wettbewerbsfähiger. Nicht zuletzt deswegen braucht Bérégovoy wohl dieses Jahr zum erstenmal seit langem kein Handelsbilanzdefizit mehr zu beklagen.

Die sogenannte desinflation competitive machte den Franc zudem zu einer der Lieblingswährungen internationaler Anleger, vor allem amerikanischer Pensionsfonds und japanischer Banken. Sie halten heute französische Papiere im sagenhaften Wert von rund 235 Milliarden Mark. Und bis zur derzeitigen Krise des Europäischen Währungssystems (EWS) mußte Frankreich nicht mehr wie früher – quasi als Risikoprämie – einige Prozentpunkte Extrazins zahlen, um Kapital ins Land zu locken.