Von Manfred Sack

So einen wie ihn gab’s kein zweites Mal auf der Welt. Er war einzigartig. Zwar hat er nicht alles erreicht, was er wollte; trotzdem ist es ihm geglückt, den Alltag mit der Kunst vertraut zu machen, die Architektur mit der Landschaft zu versöhnen, die Kultur der gebauten Welt zum Gegenstand kommunaler Entwicklungspolitik zu machen. Ort dieser außergewöhnlichen, universalen Anstrengung ist die kanarische Insel Lanzarote; ihr bis zuletzt jugendlich wirkender Held war der Maler César Manrique.

Am vergangenen Sonnabend ist er in seinem zweiten Wohnort Haria begraben worden, nachdem er sich tags zuvor zu Tode chauffiert hatte. Er starb bei einem Zusammenstoß auf einer Straßenkreuzung unweit seines ersten Hauses in Tahiche bei Arrecife, das er im Frühling dieses Jahres einer nach ihm benannten Stiftung übergeben hatte.

Das Haus hatte gleich Aufsehen erregt, weil sein Bauherr und Architekt es inmitten eines schwarzen Lavafeldes auf und in einer Anzahl vulkanischer Blasen errichtet hatte, damals eine Demonstration für die eigenwillige, noch kaum zur Kenntnis genommene Schönheit dieser spröden spanischen Insel. Und berühmt war es, weil der Maler darin auch sein Atelier hatte. Denn er war immer ein Maler und ein Bildhauer, einer der ersten spanischen Abstrakten, der seinen eigentlichen Erfolg in dem von Künstlern überlaufenen New York hatte. Seiner Malerei verdankte er fortan seine Unabhängigkeit. In den meisten seiner Bilder erkennt man die brodelnden Farben und die bizarren Formen der Vulkaninsel, auf der er 1919 geboren worden war.

Doch nicht Heimweh hatte ihn 1968 von New York auf das von sich sowenig überzeugte Lanzarote zurückgetrieben, sondern eine Idee und eine Hoffnung, nämlich, der quellenlosen, immer sehr arm gewesenen Insel die Wohltaten des Tourismus zu eröffnen, maßvoll, ohne sie ihm mit Haut und Haaren auszuliefern.

Er nutzte dabei den Glücksfall seiner Freundschaft mit dem Landrat der Insel. Gemeinsam begannen sie, eine elitäre Variante des Fremdenverkehrs zu verfolgen. Nicht Strand- und sonnengierige, blinde Massen hatten sie im Sinn, sondern intelligente Leute, die einen Blick für die eigenwillige, herbe Schönheit der Landschaft hätten und dies als erholsam empfänden.

Daraus wurde eine kulturelle Anstrengung ohnegleichen. Und so flog der Weltruhm auch nicht dem bildenden Künstler Manrique zu, sondern dem künstlerisch und politisch agierenden, überzeugungskräftigen, hartnäckigen Gestalter Manrique. Der entdeckte und pflegte die eigenartige Modernität der alten bäuerlichen Architektur, wetterte gegen die geschmacklosen Entgleisungen neuer Häuserbauer, entfernte des Nachts heimlich die claims der Bodenspekulanten – und zeigte, was er unter der behutsamen Modernisierung der Insel verstand.