BERLIN. – Was war das Spannendste an Olympia in Barcelona? Der gescheiterte Versuch des Wahlberliners Bubka über die Anfangshöhe im Stabhochsprung? Oder der Endspurt Baumanns über 5000 Meter? Nicht doch. Der Bogenschütze natürlich. Millionen von Televisionären in aller Welt stockte der Atem. Würde er es schaffen, mit dem brennenden Pfeil das Feuer in der Schale zu entflammen? Wertet man die Bewerbung Berlins als zündenden Bogenschuß, so gaben schon die bisherigen Trainingsergebnisse Anlaß zur Besorgnis. Die Uridee des Eintritts zum Nulltarif ging alsbald nach hinten los. Bald mußte ein neuer Bogenspanner bemüht und animierend honoriert werden. In dem Zusammenhang von Doping zu reden wäre unsportlich. Die Hauptstadt hat nun mal ein entsprechendes Gehaltsniveau für Pfeilspitzenkräfte.

Was nach der inzwischen erfolgten offiziellen Bewerbung von der Sehne geschnellt worden ist, führte wieder zu Fehlschüssen. Statt die Flamme zu entzünden, löste es Blitz und Donner vom nationalen Olymp aus. Hatte NOK-Zeus Daume nicht schon vor Jahresfrist angesichts des Mondgesichts als Maskottchen unwirsch geäußert, vor München anno 72 sei alles über ihn gelaufen? Hat das in Berlin nicht gefunkt?

Soll man es als böses Omen werten, daß ausgerechnet der zum Pleitegeier mutierte, nicht mehr ziehende Kranich der Lufthansa dem Berliner Bären auf die Tatzen helfen soll? Daume jedenfalls ist wieder nicht zufrieden. Immerhin hat er die Frage aufgeworfen, ob man Olympia 2000 aussitzen kann. Der Kanzler solle sich öffentlich für die Flamme erwärmen. Sein im Sommer 1991 schon geäußertes Wohlwollen war alsbald olympisch, wie es neudeutsch heißt, hier aber ins Schwarze trifft, hinterfragt worden. Inzwischen ist ihm der nominierte Berliner Ehrenbürger Gorbi auch in der Hinsicht zuvorgekommen, hat Gorbi für Spree-Athen als Olympiastadt 2000 geworben. Wer zu spät kommt, der bestraft das Berliner Leben. Ist es so? Darf der Kanzler zur Zeit nicht ein paar größere Sorgen haben? Wäre es das, was die Berliner an ihm zu meckern haben?

Auch aus Sydney, der fernen Konkurrenzstadt, verlautet, dort gäbe es durchaus Widerstände gegen den inzwischen partiell pharmakologischen und damit nicht recht olympischen Wettbewerb. Daher könne man auch in Berlin eine demokratisch geteilte Freude durchaus für voll nehmen. Doch Hand aufs Berliner Herz. Wovon kann der Sportfan hier schon träumen? Erraten! Daß seine Fußballer endlich wieder oben mitkicken. Es müßte nicht einmal die keineswegs nur mit Ruhm bekleckerte blau-weiße Hertha sein. Doch die erste Bundesliga haben sie selbst mit Paul Breitners Unterstützung nicht zu Felde gebracht. Im Riesenpott des Olympiastadions gruseln sich die Unentwegten bei Heimspielen nicht nur vor den Hertha-Fröschen. Wäre es nicht besser, erst mal das so nahe Schlechte anzupacken, wozu man weder eine neue GmbH brauchte noch Manager teuer heuern und feuern müßte. Wo da die Visionen bleiben?

Was unterscheidet denn Sydney oder Mailand von Berlin? Der halbe Erdball oder die Alpen? Nein, ihre Normalität und unser Leiden an der Teilung, die nach dem Abnehmen des Gipses die Heilung ist, sofern die Therapie stimmt. Sie erfordert nicht nur die Kraft der Stadt, diese aber voll und ganz. Man braucht dazu das Match nicht auf Nebenplätzen auszutragen, etwa grundsätzlich ein Fest der inhuman übertrainierten Leistungssportler von heute, der wachstumsgehemmten Liliputturnerinnen und verdächtig muskulösen Leichtathletinnen in Frage zu stellen. Wir haben selber genug im trüben nach Krabben gefischt. Wie man von Insidern der Olympia-Bewerber hört, lachen die Ausländer über die ehrpusseligen Deutschen, die ihren Assen selber die langen Beine stellen, statt ihnen die Medaillen zu polieren. Doch Berlin ist das Rhodos der Wiedervereinigung. Hier und jetzt muß gesprungen werden, aber nicht auf Deubel komm raus in die olympische Grube 2000. Kommt Zeit, kommt Sport.

Ja, normale Großstädte kann man mit geschickt geworfenen olympischen Ringen infrastrukturell um Jahre puschen. Solchen Münchner Beweis in der deutschen Hauptstadt zu führen könnte nicht nur Geld, sondern auch Vertrauen in den Wirklichkeitssinn unserer damit ohnehin nicht verwöhnten politisch Verantwortlichen kosten. Man werte die örtlichen Schlagzeilen und Etatposten. Da wird einem nicht schwarz, sondern rot vor Augen. Milliarden und aber Milliarden für die Reparatur einer Großstadt wackeliger Gebäude mit allein 65 000 Wohnungen ohne Bad und Außentoilette nicht nur im Osten. Mammutprogramme für den Verkehr, den Tunnel unter der City, die marode Kanal-Unterwelt im Osten. Und, und ...

Von der Kultur im engeren Sinne nicht oder bitte sehr deutlich zu reden. Braucht Berlin just im Jahr 2000, wenn es noch immer keine richtige Hauptstadt sein wird, futuristische Sportarenen? Wir wissen nicht, ob bis dahin selbst in renommierten Theatern noch die Vorhänge hochgehen werden. Öffnet sich ein Abgrund von Landesverrat, wenn man daran erinnert, daß der Sport noch sauber war, als er als schönste Nebensache der Welt sprichwörtlich wurde? Jetzt wird schon davon geredet, auch das Parlament brauche im neuen Deutschland eine Filiale am Rhein. Berliner, auf zum Streite, helfen wir uns und Bonn!

Seinerzeit hat Nordrhein-Westfalen zugunsten Berlins auf Olympia 2000 im Kohlenpott verzichtet. Da ahnte noch keiner, wie der Hauptstadt-Beschluß ausfallen würde. Machen wir das Geschäft neu und solide. Die Hauptstadt kriegt, was ihr zusteht, also Regierung und Parlament komplett ohne weiteres Gequake. Unklare Verhältnisse sind immer schlechte Verhältnisse. Bonn aber darf nicht untergehn. Daß Beethoven dort geboren wurde, genügt nicht. Es kriegt Olympia 2000. Alle Beamten, die in ihren Reihenhäusern in Rhöndorf auch sterben wollen, kommen in die Werbe-GmbH. Der Lange Eugen wird olympisches Dorf. Wohin aber mit dem Stadion, und wer schießt den Pfeil? Ja, das ist dann nicht mehr die Sorge Berlins. Günter Matthes