ZDF, Dienstag, 6. Oktober, 23.00 Uhr: „Friede, Freude, Katzenjammer“ – Dokumentarfilm von Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich

Die Rechte zum Gruß erhoben, fährt der Magdeburger Arbeiterund-Bauern-Dichter Erich Weinert durch die Stadt. Um seinen Hals läuft ein Strick. Die vertäute Statue findet politisches Asyl im Hinterhof des Magdeburger Steinmetz- und Denkmalpflegebetriebes Schuster.

Ein Arbeiter sagt: „Schön wär’s, wenn er wieder aufgestellt würde.“ – „Ein gutes Gefühl ist das bestimmt nicht“, sagt ein anderer, der eine Gedenktafel zum dreißigsten Jahrestag der Befreiung – „Dank euch, ihr Sowjetsoldaten“ – zerschneidet und einschmilzt.

Der alte Familienbetrieb Schuster wurde 1945 enteignet und zum „volkseigenen Betrieb“ verstaatlicht. Hans Schuster leitete ihn, bis er ihn nach 1989 überraschend wieder in Familienbesitz übernehmen konnte. 1966, als der Denkmalpfleger die Sprengung einer Kirche verhindern wollte, kam er wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität in der Leitung seines Betriebes ins Gefängnis. Jetzt hat Magdeburg, um das neue Glück des Liberalen Schuster vollzumachen, ihn für Sachsen-Anhalt in den Bonner Bundestag delegiert. „Friede, Freude...“?

Das wollen die Dokumentarfilmer Hans-Georg Ullrich (Kamera) und Detlef Gumm (Ton) genauer wissen. Sie lassen das ganze Personal des Betriebs vom Chef bis zum arbeitslos gewordenen Meister zu Wort kommen. Und als wäre das nicht schon Sprengsatz genug, durchsetzen sie ihre hervorragend lakonische Sozialreportage mit historischen Filmszenen aus einem bürgerlichen Familienleben, aus der Nazizeit und vom 9. und 10. Parteitag der SED in Magdeburg.

Die subversive Kontrastmontage von Gumm und Ullrich kehrt das Unterste ganz ohne jeden „Katzenjammer“ wieder zuoberst: Bei solchen Arbeitern mit Witz und Scharfblick in die Lehre zu gehen müßte ein Hochgenuß sein. Aber zwei junge Rechtsradikale brachen ihre Lehre bei Schuster ab: „Ein jüdischer Betrieb.“ Jetzt sind sie arbeitslos und nehmen sich die Türken vor.

Der Betriebsratsvorsitzende Weiß der MAW-AG besucht Schuster in seinem schön renovierten Privathaus: 1800 Leute, verkündet er, müssen entlassen werden. „Diesen Druck halten wir nicht aus. Für die Arbeiter, die Menschen muß etwas getan werden.“ Worte. MdB Schuster ist in Bonn machtlos. Er fordert, daß endlich „die Mittel fließen“, und hört sich Reden über Steuererhöhungen an. Bei der Entlassung der 1800 Arbeiter ist Schuster abwesend: Dringende Geschäfte riefen ihn nach Bonn.

Je länger und krasser die Szenen wechseln, desto grausiger wird einem dieses Deutschland. Offenbar haben wir wirklich kaum etwas gelernt, am wenigsten Takt. Der Bürgermeister von Recklinghausen, auf Bildungsreise zu Besuch bei Herrn Schuster, fragt: „Haben Sie denn Fachkräfte, die Ihre Ideen umsetzen können?“, um schnell, aber genauso selbstzufrieden hinzuzufügen: „Wir können vom Osten lernen, bescheidener zu sein. Das Glück zu haben, davongekommen zu sein, ist keine Errungenschaft.“ Wahrhaftig nicht. Marie-Luise Bott