Das 18. Jahrhundert war keineswegs nur ein Zeitalter des aufklärerischen Diskurses, der alle Dinge des Lebens erstmals zu hinterfragen begann, sondern auch ein Jahrhundert neuer sinnlicher Erfahrungen. Es entstand ein neuer Geschmack in Luxus und Mode. Die sich etablierende „feine“ Gesellschaft vor allem der Aristokratie begann in Absetzung sowohl von den Exzessen, dem Prunk und der „irrationalen“ Zügellosigkeit des Barockzeitalters wie von den Lebens- und Eßgewohnheiten der Plebejer, der kleinen Leute und des Bürgertums, nicht nur eine maßvolle Genügsamkeit zu propagieren, sondern sie auch für sich zu verwirklichen. In relativ kurzer Zeit verschwanden von den aristokratischen Tafeln die zähen und schweren Fleischsorten, der Knoblauch, die Zwiebel, die starken Gewürze, die gesalzenen Speisen und die Trüffeln.

Diesen Tatbestand nun auch für Italien aufzuweisen, wie überhaupt eine Genußgeschichte mehr in den Blick zu nehmen, ist sicherlich ein besonderes Verdienst von Camporesi. Doch was er damit zu beobachten und auszusagen meint, bleibt letztlich sein Geheimnis. Unabhängig davon, daß dieser Wandel der Mentalitäten seit Elias und Schivelbusch nicht mehr unbekannt ist – auf sie wird kaum verwiesen – und daß nicht weiter ausgeführt wird, ob dieser Geschmackswandel sich nur in der Oberschicht vollzog, wird mit kaum einem Wort erwähnt, auf welchem Hintergrund es überhaupt zu diesem Wandel kam, welche sozialen Interessen ihn leiteten.

Als historischer Prozeß kann auch ein Geschmackswandel nicht isoliert gesehen werden und bedarf einer Erklärung: War er Ausdruck einer Selbstdisziplinierung einer sich abschließenden Elite oder Zeichen einer neuen Privatheit der Aristokratie, die ihre soziale Machtposition verloren hatte? Wir erwarten hier keinen großen theoretischen Entwurf, aber ohne jede Interpretationshilfe bleiben die vielen Quellenbelege und treffenden Beobachtungen für die Erfassung konkreter Lebenswelten stumm. Sicherlich bereitet die Lektüre Vergnügen, ein „Sittengemälde“ entsteht, aber originell ist dieser kulturhistorische Essay keineswegs. Richard van Dülmen

  • Piero Camporesi: Der feine Geschmack

Luxus und Moden im 18. Jahrhundert; aus dem Italienischen von Karl F. Hauber; Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1992; 208 S., 36,– DM