Geschoß aus der Hölle

Von Klemens Polatschek

Es ist nicht jedem sagenumwobenen Ort vergönnt, in Würde unterzugehen. Aus Peenemünde jedenfalls ist ein Trümmerfeld geworden. Im März 1945 besetzte die sowjetische Armee den Brennpunkt geheimer Waffenentwicklung im Dritten Reich, das Sperrgebiet im Norden der Ostseeinsel Usedom. Sie fand noch ein paar Unterlagen, dann ließ sie Sprengstoff sprechen, daß nie wieder in Deutschland geschehen solle, wofür auch Peenemünde stand. Er rasierte Prüfstand für Prüfstand, Bürohaus für Bürohaus. Danach wuchs wieder der karge Kiefernwald.

Im Wald liegt heute eine Hindernisparcours aus Betonplatten, der einmal eine Straße war. Er führt zu einem Hügel von Schutt, aus dem wie Borsten die Stahlarmierungen ragen. Betongräben stehen voll Wasser. Das war Prüfstand VII.

Von hier startete am 3. Oktober 1942 das vierte Versuchsmuster einer Rakete namens "Aggregat 4", kurz A 4, zu einem Flug, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: hinaus aus der Lufthülle der Erde. Dreizehn Tonnen schwer, vierzehn Meter lang, randvoll mit Spiritus und flüssigem Sauerstoff, so verließ das brüllende Ding sein Startgestell, eilte dem Schall davon, auf fast neunzig Kilometer Höhe. Als es fünf Minuten später 190 Kilometer entfernt in die Ostsee stürzte, war eine neue Waffe geboren und das Tor zum Weltraum offen. Das ist nun fünfzig Jahre her.

Goebbels nannte das Geschoß V 2 – "Vergeltungswaffe 2" –, als es mit einer Tonne Sprengstoff für London bereitstand. Wernher von Braun, dessen Werk es war, brachte die Menschheit später zum Mond. Das ist bekannt.

Im Nest Peenemünde mit seinen paar grauen Häuserzeilen hat die Rote Armee zwei Backsteinbauten stehengelassen. Aus dem großen Kohlenstaubkraftwerk baute sie, nach gutem Zureden der Besiegten, nur zwei der Generatoren aus. Die Flüssigsauerstoffabrik zeigte ein Herz aus Beton; die Sprengung schlug ihr die Fenster aus, riß die Decken auf und schuf einen Palast für Büsche und Bäume. Im Marinehafen nebenan tümpelt eine Sammlung von Schiffen der Nationalen Volksarmee und wartet auf den reichen Onkel aus dem Morgenland. Einen Spaziergang entfernt liegt das Flugfeld, das Hitlers Luftwaffenentwicklern diente, bevor die Migs der NVA auf ihm landeten. Nun parken hier ein paar DDR-Militärlaster, 30 000 vielleicht.

Tourismus ist, was Peenemünde hoffen macht. Hier soll möglichst bald etwas entstehen, was sich Raumfahrtpark nennt, und, so die Initiatoren, der "Vergnügung" dient oder der "vergnüglichen Bildung", jedenfalls aber die Weltraumbegeisterung nährt. Denn Peenemünde ist ja "Geburtsort der Raumfahrt".

Geschoß aus der Hölle

Vorerst steht diese Beifügung nur auf den Eintrittskarten zur Keimzelle des Raumfahrtparks – zum "Historisch-technischen Informationszentrum", das im Mai 1991 in der Schaltzentrale eröffnet wurde, einem geduckten Bunkerbau ein paar Schritte vom Kraftwerk. Das kleine Raketenmuseum ist das Werk von Peter Profe und Joachim Saathoff, zwei NVA-Majoren um die fünfzig, die hier auf dem Fliegerhorst Dienst taten.

Ein Riesenschritt für die Technik

Saathoff kennt die Wiege der Raumfahrt genau. Er kann mitten in den Wald fahren, auf einen Baum unter Bäumen zeigen und sagen: "Hier, genau hier, war die Ecke des Überschallwindkanals." 1975 hat es ihn nach Peenemünde verschlagen. Das Gelände war militärisches Sperrgebiet wie zu Kriegszeiten, das Thema Geheimwaffen tabu. Saathoff aber war fasziniert, fragte Augenzeugen, hielt Vorträge, besorgte sich mühsam verbotene Literatur aus den Giftschränken der Bibliotheken. Heimlich, mit Angstschweiß auf der Stirn photographierte er sie Seite für Seite ab.

Im Westen kaufte man sich die Peenemünder Erinnerungen von Walter Dornberger – nur als Beispiel – einfach im Buchhandel. Was heute noch gern geschieht.

Dornberger kam 1929 mit 34 Jahren zum Heereswaffenamt in Berlin. Er suchte neue Artilleriewaffen, die vom Versailler Vertrag nicht verboten waren. Er förderte Raketenbastler; als er sah, daß sie wenig zustande brachten, übernahm er selbst die Regie. Der erste Mitarbeiter, den er einstellte, im Oktober 1932, war der neunzehnjährige Student Wernher von Braun. Das Junggenie übertraf alle Erwartungen.

Kleinere Projektile wie das A 2 erreichten gerade Höhen von zwei Kilometern, da wurde der Abteilung das Versuchsgelände südlich von Berlin zu klein. Eine deutlich andere Größe sollte her. Wernher von Braun entdeckte den Nordteil von Usedom. "Weitab von allen größeren Städten lag dieses mit alten Eichen und Kiefern bestandene Dünengelände in noch unberührter Einsamkeit", so beschreibt Dornberger seinen Eindruck. "Große dunkelstangige pommersche Hirsche zogen durch das Heidekraut in die Heidelbeerbüsche der Wälder bis an den Sand der flachen Küste." Die Planierraupen starteten unverzüglich. Im April 1936 kaufte das Luftfahrtministerium das Gelände, fünf mal zehn Kilometer, für 750 000 Reichsmark. In den Westteil kamen die eigenen Ingenieure, nach Peenemünde-Ost die Heeresversuchsanstalt. Dornberger war ihr militärischer Leiter, von Braun der technische Direktor.

Es galt, in Peenemünde eine Utopie zu verwirklichen. Büros und Häuser vom Besten, eine S-Bahn im Großstadtstil, und, um die Brennversuche zu überwachen, für das Prüfstandpersonal eine Fernsehanlage. Ihr Erfinder, Walter Bruch, schuf später unsere Fernsehnorm Pal.

Geschoß aus der Hölle

Die 15 000 Köpfe schwirrten von hochfliegenden Ideen. Sie entwarfen Fliegerabwehrraketen, erprobten den Raketenstart von getauchten U-Booten aus, dachten über Interkontinentaleinsätze nach. Schon 1939 plante von Braun ein raketengetriebenes Jagdflugzeug. Die oberen Dienststellen reagierten selten.

Der Flug des A 4 im Oktober 1942 war der Zenit. Von da an ging es abwärts. Bis in eine Hölle sogar. Im Juli 1943 verlieh Hitler der A 4-Entwicklung höchste Dringlichkeitsstufe in der Materialzuteilung, etwas, worum Dornberger jahrelang vergeblich gerungen hatte. Dafür erwartete der Führer nun das kriegsentscheidende Wunderwerk, und die Reichsführung SS zog die Macht über alle Geheimwaffen an sich.

Auch die britische Aufklärung schlief nicht. In der Nacht zum 18. August 1943 luden fast 600 Bomber der Royal Air Force 2000 Tonnen Spreng- und Brandbomben vor allem auf die Wohnsiedlungen in Peenemünde ab. 753 Menschen starben, davon 612 russische und polnische Zwangsarbeiter des Versuchsserienwerks. Der Angriff trug den Codenamen Hydra. Als gelte es, den Mythos zu erfüllen, wuchsen der deutschen Entwicklung danach neue, monströse Köpfe.

Wegen der Bombenangriffe verkroch sich die Produktion in die Erde. Dornberger tut sich wie andere Autoren sogenannter Standardwerke schon schwer, nur den Namen des Ortes zu nennen: Es war das Konzentrationslager Mittelbau. Die SS errichtete es Ende August 1943 bei Nordhausen in Thüringen als Nebenlager Dora des KZ Buchenwald, am Fuße des Kohnsteins im Harz. Die ersten 4000 Häftlinge bauten in dem Kalkfelsen kilometerweise die Stollen aus. Sie schufteten in Zwölfstundenschichten. Rund um die Uhr wurde gesprengt. Es mangelte an allem, Wasser, Essen, Luft. Manche, so wird berichtet, sammelten den eigenen Urin, um den Kalkstaub vom Gesicht waschen zu können. Im Januar 1944 lief die V 2-Produktion an; bald wurden 12 000 Häftlinge gezählt, 3000 waren über den Winter krepiert.

Sie schufen die größte unterirdische Fabrik der Welt, die als Mittelwerk GmbH firmierte. Hier entstanden nicht nur fast 6000 V 2, hier wurden Strahltriebwerke gebaut und die V 1, die fliegende Bombe und Mutter aller Cruise Missiles, entwickelt von der Luftwaffe in Peenemünde-West. Die SS beugte der Sabotage mit blankem Terror vor. Willkürlich wurden Gefangene an den Laufkatzen über ihrem Arbeitsplatz gehängt. Am 5. September 1944 startete die erste V 2, gegen Paris. Die meisten fielen später auf London und auf den Nachschubhafen Antwerpen. England zählte 2724 Tote durch die Einschläge. Die Rakete aber hat schon beim Bau mehr Menschen umgebracht. 10 000 von 60 000 Mittelbau-Häftlingen starben im Lager, noch einmal 10 000 auf Transporten und bei der Evakuierung 1945.

Wernher von Braun sagte in einem Fernsehinterview vor seinem Tod 1977: "Die Arbeitsbedingungen im Mittelwerk waren absolut grauenvoll. Ich war mehrmals dabei. Einmal habe ich zusehen müssen, wie diese Häftlinge einen Stollen sprengen mußten." Die Entwickler in Peenemünde wußten, was im Lager vorging.

Wer heute die Wahrheit verbergen will, spricht vom "Mißbrauch der Wissenschaft durch die Politik". Völlig nebensächlich ist die Feststellung, daß von Peenemünde aus nie eine Rakete als Waffe gestartet wurde.

Geschoß aus der Hölle

Die Ingenieure hätten immer nur vom Weltraumflug geträumt, schreibt Walter Dornberger. Sie haben das auch nicht verheimlicht, was Himmlers Leute 1944 einmal zum Anlaß nahmen, von Braun und zwei leitende Mitarbeiter zu verhaften, weil sie mit dem Raumfluggerede die Waffenentwicklung sabotiert hätten. Erik Bergaust allerdings, der eine ehrende Lebensgeschichte von Brauns geschrieben hat, zitiert einen Peenemünder mit den Worten: "Machen Sie sich nichts vor: Von Braun mag vielleicht seit seiner Kindheit Mondstaub in den Augen gehabt haben, aber die meisten von uns waren ziemlich sauer wegen der alliierten Bombenangriffe. Als die erste V2 in London einschlug, knallten bei uns die Sektkorken. Warum auch nicht?"

Ein Rückschlag für die Menschheit

Auf sowjetischer Seite arbeiteten gleich nach Kriegsende 5000 Leute am Nachbau der V 2. Die Ingenieurselite aber stellte sich mit hundert Raketen und den technischen Unterlagen der US-Armee. Ihr Geheimdienst schleuste insgesamt 765 deutsche Wissenschaftler in der "Operation Paperclip" nach Texas, vorbei an den Einwanderungsbehörden, vorbei an Schweigemärschen von US-Wissenschaftlern. Arthur Rudolph hieß einer der begnadeten von Dornberger angeworbenen Raketenbastler, Mitglied der NSDAP von 1931 an. Er war der Produktionsleiter im KZ Mittelbau. Später organisierte er die Herstellung der Saturn-V-Rakete für das Apolloprogramm; 1984 kehrte er 77jährig in die Bundesrepublik zurück, als amerikanische Justizbeamte seine Rolle im Krieg zu untersuchen begannen. Hubertus Strughold, der zum führenden US-Raumfahrtmediziner wurde, hatte eng mit Siegfried Ruff zusammengearbeitet, der neunzig KZ-Häftlinge aus Dachau bei seinen Unterdruckversuchen ermordete. Es ist ja immer die Frage, was der Mensch aushält.

1968 fand man auf Usedom ein Massengrab, wo die Baracken der Zwangsarbeiter für das Versuchsserienwerk gestanden hatten, und baute ein Mahnmal, ganz DDR-Stil, an die Straße nach Peenemünde. Und als die Wende kam, holten die Einwohner der Gegend Fundstücke aus der großen Zeit von den Dachböden und gaben sie dem Historisch-technischen Informationszentrum.

Dort ist eine beachtliche Sammlung entstanden, professionell und informativ, inklusive Video mit dramatischer Musik. Der Andrang ist erheblich. In den ersten acht Monaten kamen 80 000 Besucher, in diesem Jahr schon mehr als 140 000: Raketenfans, gelangweilte Touristen und die ältere Frau aus den Niederlanden, die kostenlosen Eintritt verlangte – wenn man ihr im Krieg das Ding schon auf den Kopf geschmissen habe, dann werde sie jetzt nicht noch fürs Museum bezahlen. Den Ausstellungsgründern tritt ob all der Ansprüche sichtlich wieder der Schweiß auf die Stirn.

Bilder der Zerstörungen in England? Haben wir letzte Woche gerade wieder geändert. Aber da müssen und werden wir noch dran arbeiten. Keine Zwangsarbeiter im Video? Ja, das ist noch eine alte Version, es kommt eine neue. Joachim Saathoff zumindest ringt mit dieser Ausstellung wie mit sich selbst. Deutsche Vergangenheitsbewältigung ist für Titanen.

Am Kohnstein in Nordhausen wurde schon zu DDR-Zeiten eine Gedenkstätte geschaffen, die inzwischen ein neues Konzept und ein wissenschaftliches Kuratorium besitzt. Sie möchte die Stollen für die Besucher öffnen; nächstes Jahr, so hofft man, wird endlich das Geld dafür reichen.

Geschoß aus der Hölle

Die Mitarbeiter bekommen "Bauchschmerzen" angesichts dessen, was in Peenemünde geschieht. Saubere Ingenieurleistung dort, schmutzige Waffe hier – "liegt nicht der Gedanke nahe, eine Angleichung der historischen Aussage der Denkmäler Peenemünde und Nordhausen wenigstens zu versuchen?" fragte die Leiterin der Gedenkstätte Dora-Mittelbau einmal in einem Vortrag. "Ich glaube", schloß sie, "daß eine vordergründige Bevorzugung der Interessen der Bratwurstverkäufer auf Usedom nicht zu akzeptieren ist."

Nun der Blick nach vorn

Den vielversprechenden "Genius loci" beschwört vor allem Dieter Genthe, Sonderbeauftragter der regierungsfinanzierten Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten in Bonn. Er möchte, daß in Peenemünde ein Raumfahrtpark entsteht, nach dem Vorbild amerikanischer "Space Camps" oder der französischen Variante "Cité de l’Espace". Das stillgelegte Kraftwerk hat er als geeigneten Standort ausgemacht. Was ist ein Raumfahrtpark? Laut Genthes Vorstudie dient ein Raumfahrtpark der "Bildung und Erziehung der Jugend, aber auch der Förderung der Aufgeschlossenheit bei den Erwachsenen für die Hochtechnologie am Beispiel Raumfahrt".

Der wichtigste Teil ist ein Trainingszentrum, ausreichend auch für mehrtägige Besuchsprogramme – fast echte Astronautenausbildung als Freizeiterlebnis. Damit sich die Sache finanziell trägt, gehören ein Kongreß- oder Seminarzentrum dazu und ein Raumfahrtmuseum. Die Keimzelle dafür stünde bereit: das Historisch-technische Informationszentrum, das bisher mit ABM-Stellen aufgebaut wurde. Das Projekt könne auch dem Negativimage der Raumfahrt entgegenwirken, versichert die Vorstudie. Schließlich habe "eine mehr als zwanzigjährige technikfeindliche Erziehung dazu geführt, daß viele Lehrer in den alten Bundesländern über die Raumfahrt heute keinen sachlich zutreffenden Unterricht erteilen können".

Die Kosten der technischen Einrichtung veranschlagt Dieter Genthe grob mit zwanzig Millionen Mark, mit allen Bauten würden es wohl fünfzig Millionen. Genthe findet, so sagt er, inzwischen Unterstützung aller öffentlichen Stellen. Auch der Vorstand des Unternehmensbereichs Deutsche Aerospace der Daimler-Benz AG hat seine Unterstützung erklärt.

Zum fünfzigsten Jahrestag des Starts am 3. Oktober plante der Bundesverband der Deutschen Luftfahrt-, Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie und die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt eine Gedenkstunde, begleitet vom parlamentarischen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Erich Riedl. Trotz der bewährt ausgeklügelten Ansprachen – Technik gut, Technik als Waffe schlecht, daraus resultiert Verantwortung der Technik – regten sich in England Stimmen, die den Festakt als "Gipfel der Geschmacklosigkeit" verdammten. Riedl fand das "hysterisch". Die Feier wurde am Montag wegen massiver Proteste abgesagt.

Was werden die Freunde erst zu unserem Raumfahrtpark sagen?

Geschoß aus der Hölle

Die "Sensibilität des Ortes" sei ihm bewußt, sagt Dieter Genthe. Er habe überall vorgefühlt, auch bei den Botschaftern in Bonn. Bei den Briten habe er erstaunliches Verständnis gefunden, sagt er. Die Belgier seien gar überrascht gewesen, daß man sie überhaupt frage, so in der Art: "Aber ich bitte Sie, das ist ja jetzt eine andere Generation."

Das ist doch schon ein Wort. Klingt so, als ließe sich für jede Art von Vergangenheit noch irgendwo ein Entsorgungsmodell finden.