Die 15 000 Köpfe schwirrten von hochfliegenden Ideen. Sie entwarfen Fliegerabwehrraketen, erprobten den Raketenstart von getauchten U-Booten aus, dachten über Interkontinentaleinsätze nach. Schon 1939 plante von Braun ein raketengetriebenes Jagdflugzeug. Die oberen Dienststellen reagierten selten.

Der Flug des A 4 im Oktober 1942 war der Zenit. Von da an ging es abwärts. Bis in eine Hölle sogar. Im Juli 1943 verlieh Hitler der A 4-Entwicklung höchste Dringlichkeitsstufe in der Materialzuteilung, etwas, worum Dornberger jahrelang vergeblich gerungen hatte. Dafür erwartete der Führer nun das kriegsentscheidende Wunderwerk, und die Reichsführung SS zog die Macht über alle Geheimwaffen an sich.

Auch die britische Aufklärung schlief nicht. In der Nacht zum 18. August 1943 luden fast 600 Bomber der Royal Air Force 2000 Tonnen Spreng- und Brandbomben vor allem auf die Wohnsiedlungen in Peenemünde ab. 753 Menschen starben, davon 612 russische und polnische Zwangsarbeiter des Versuchsserienwerks. Der Angriff trug den Codenamen Hydra. Als gelte es, den Mythos zu erfüllen, wuchsen der deutschen Entwicklung danach neue, monströse Köpfe.

Wegen der Bombenangriffe verkroch sich die Produktion in die Erde. Dornberger tut sich wie andere Autoren sogenannter Standardwerke schon schwer, nur den Namen des Ortes zu nennen: Es war das Konzentrationslager Mittelbau. Die SS errichtete es Ende August 1943 bei Nordhausen in Thüringen als Nebenlager Dora des KZ Buchenwald, am Fuße des Kohnsteins im Harz. Die ersten 4000 Häftlinge bauten in dem Kalkfelsen kilometerweise die Stollen aus. Sie schufteten in Zwölfstundenschichten. Rund um die Uhr wurde gesprengt. Es mangelte an allem, Wasser, Essen, Luft. Manche, so wird berichtet, sammelten den eigenen Urin, um den Kalkstaub vom Gesicht waschen zu können. Im Januar 1944 lief die V 2-Produktion an; bald wurden 12 000 Häftlinge gezählt, 3000 waren über den Winter krepiert.

Sie schufen die größte unterirdische Fabrik der Welt, die als Mittelwerk GmbH firmierte. Hier entstanden nicht nur fast 6000 V 2, hier wurden Strahltriebwerke gebaut und die V 1, die fliegende Bombe und Mutter aller Cruise Missiles, entwickelt von der Luftwaffe in Peenemünde-West. Die SS beugte der Sabotage mit blankem Terror vor. Willkürlich wurden Gefangene an den Laufkatzen über ihrem Arbeitsplatz gehängt. Am 5. September 1944 startete die erste V 2, gegen Paris. Die meisten fielen später auf London und auf den Nachschubhafen Antwerpen. England zählte 2724 Tote durch die Einschläge. Die Rakete aber hat schon beim Bau mehr Menschen umgebracht. 10 000 von 60 000 Mittelbau-Häftlingen starben im Lager, noch einmal 10 000 auf Transporten und bei der Evakuierung 1945.

Wernher von Braun sagte in einem Fernsehinterview vor seinem Tod 1977: "Die Arbeitsbedingungen im Mittelwerk waren absolut grauenvoll. Ich war mehrmals dabei. Einmal habe ich zusehen müssen, wie diese Häftlinge einen Stollen sprengen mußten." Die Entwickler in Peenemünde wußten, was im Lager vorging.

Wer heute die Wahrheit verbergen will, spricht vom "Mißbrauch der Wissenschaft durch die Politik". Völlig nebensächlich ist die Feststellung, daß von Peenemünde aus nie eine Rakete als Waffe gestartet wurde.