Die Ingenieure hätten immer nur vom Weltraumflug geträumt, schreibt Walter Dornberger. Sie haben das auch nicht verheimlicht, was Himmlers Leute 1944 einmal zum Anlaß nahmen, von Braun und zwei leitende Mitarbeiter zu verhaften, weil sie mit dem Raumfluggerede die Waffenentwicklung sabotiert hätten. Erik Bergaust allerdings, der eine ehrende Lebensgeschichte von Brauns geschrieben hat, zitiert einen Peenemünder mit den Worten: "Machen Sie sich nichts vor: Von Braun mag vielleicht seit seiner Kindheit Mondstaub in den Augen gehabt haben, aber die meisten von uns waren ziemlich sauer wegen der alliierten Bombenangriffe. Als die erste V2 in London einschlug, knallten bei uns die Sektkorken. Warum auch nicht?"

Ein Rückschlag für die Menschheit

Auf sowjetischer Seite arbeiteten gleich nach Kriegsende 5000 Leute am Nachbau der V 2. Die Ingenieurselite aber stellte sich mit hundert Raketen und den technischen Unterlagen der US-Armee. Ihr Geheimdienst schleuste insgesamt 765 deutsche Wissenschaftler in der "Operation Paperclip" nach Texas, vorbei an den Einwanderungsbehörden, vorbei an Schweigemärschen von US-Wissenschaftlern. Arthur Rudolph hieß einer der begnadeten von Dornberger angeworbenen Raketenbastler, Mitglied der NSDAP von 1931 an. Er war der Produktionsleiter im KZ Mittelbau. Später organisierte er die Herstellung der Saturn-V-Rakete für das Apolloprogramm; 1984 kehrte er 77jährig in die Bundesrepublik zurück, als amerikanische Justizbeamte seine Rolle im Krieg zu untersuchen begannen. Hubertus Strughold, der zum führenden US-Raumfahrtmediziner wurde, hatte eng mit Siegfried Ruff zusammengearbeitet, der neunzig KZ-Häftlinge aus Dachau bei seinen Unterdruckversuchen ermordete. Es ist ja immer die Frage, was der Mensch aushält.

1968 fand man auf Usedom ein Massengrab, wo die Baracken der Zwangsarbeiter für das Versuchsserienwerk gestanden hatten, und baute ein Mahnmal, ganz DDR-Stil, an die Straße nach Peenemünde. Und als die Wende kam, holten die Einwohner der Gegend Fundstücke aus der großen Zeit von den Dachböden und gaben sie dem Historisch-technischen Informationszentrum.

Dort ist eine beachtliche Sammlung entstanden, professionell und informativ, inklusive Video mit dramatischer Musik. Der Andrang ist erheblich. In den ersten acht Monaten kamen 80 000 Besucher, in diesem Jahr schon mehr als 140 000: Raketenfans, gelangweilte Touristen und die ältere Frau aus den Niederlanden, die kostenlosen Eintritt verlangte – wenn man ihr im Krieg das Ding schon auf den Kopf geschmissen habe, dann werde sie jetzt nicht noch fürs Museum bezahlen. Den Ausstellungsgründern tritt ob all der Ansprüche sichtlich wieder der Schweiß auf die Stirn.

Bilder der Zerstörungen in England? Haben wir letzte Woche gerade wieder geändert. Aber da müssen und werden wir noch dran arbeiten. Keine Zwangsarbeiter im Video? Ja, das ist noch eine alte Version, es kommt eine neue. Joachim Saathoff zumindest ringt mit dieser Ausstellung wie mit sich selbst. Deutsche Vergangenheitsbewältigung ist für Titanen.

Am Kohnstein in Nordhausen wurde schon zu DDR-Zeiten eine Gedenkstätte geschaffen, die inzwischen ein neues Konzept und ein wissenschaftliches Kuratorium besitzt. Sie möchte die Stollen für die Besucher öffnen; nächstes Jahr, so hofft man, wird endlich das Geld dafür reichen.