Anzeichen steigender Aggressivität von Jugendlichen auch in den Schulen gibt es schon lange, und über die Ursachen wird häufig spekuliert. Von Werteverlust ist die Rede, von unausgefüllter Freizeit, von Gewalt in den Medien und dem Zerfall der Familie. Redselig, aber hilflos sah die Gesellschaft zu, wie das Phänomen jugendlicher Gewalttätigkeit immer bedrohlicher wurde.

Seit der Wiedervereinigung scheint sich das zu ändern. Aufgeschreckt durch rechtsradikale Bandenkriminalität, beginnen vor allem die Schul- und Jugendminister der neuen Bundesländer, sich des Problems anzunehmen. Das Land Sachsen hat vergleichsweise früh, schon im Frühsommer 1991, mit einer „Konzeption zur Eindämmung und Zurückdrängung des Rechtsextremismus sowie der Gewaltbereitschaft“ auf die Ausschreitungen reagiert. Dazu gehörte unter anderem ein Ratgeber für die hilflosen Lehrer. Ähnlich reagierte Schleswig-Holstein, dessen Landesinstitut für Praxis und Theorie Arbeitspapiere für Lehrer herausbrachte mit dem Titel „Ausländerfeindlichkeit und Asylpolitik“. Relativ früh auch hatte sich das Land Baden-Württemberg mit dem Thema „Jugendgewalt“ befaßt – und es ist aufschlußreich, daß es unter den alten Bundesländern vor allem die Anrainer der ehemaligen DDR sind, denen das Thema unter den Nägeln brennt.

Doch inzwischen wird immer deutlicher, daß die Beschränkung der Aufmerksamkeit auf rechtsradikale ausländerfeindliche Bandengewalt viel zu kurz greift. Sachsen bereitet zur Zeit eine neue, gründlichere Auseinandersetzung mit dem Thema vor – genauso wie Brandenburg. Hoffentlich kommt dabei mehr heraus als in Sachsen-Anhalt, wo dem Problem buchstäblich mit Geld und guten Worten zu Leibe gerückt werden soll. Insgesamt 1,6 Millionen Mark stellt das Land für Projekte zur Verfügung, die dem „sinnstiftenden Lernen“ dienen. Um der jugendlichen Orientierungslosigkeit beizukommen, empfiehlt Minister Sobetzko in seinem neuaufgelegten „Bildungsprogramm Lebensorientierung“, Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, Schach zu spielen, künstlerisch tätig zu werden, das Schulgelände umweltfreundlich zu gestalten oder einen schulnahen Bach zu säubern.

Selbst wenn dieses „Bildungsprogramm“ weniger hilflos und naiv ausgefallen wäre – es verweist auf ein Dilemma, in dem alle ministeriellen Initiativen stecken: Sicher sind Schulminister verpflichtet, sich eindringlich mit der Gewalt von Jugendlichen zu befassen. Unbedingt aber müssen sie berücksichtigen, daß Schulen nicht nur Angriffsziel und Abwehrinstanz, sondern zum Teil auch Urheber der Gewaltbereitschaft sein könnten.

Pädagogen und Bildungspolitiker zerbrechen sich die Köpfe darüber, immer mehr Jugendlichen immer bessere Qualifizierungschancen zu ermöglichen. Schon längst haben wir hierzulande ein Bildungssystem aufgebaut, das es jedem Schulanfänger prinzipiell ermöglicht, einmal eine Hochschule zu besuchen, und wir sind zu Recht stolz darauf. Gleichzeitig aber vergessen wir die Vielen, die bei diesem Leistungswettbewerb nicht mithalten können oder wollen. Durchlässig ist das Schulsystem eben nicht nur nach oben, sondern auch nach unten. Diejenigen, die vor den Ansprüchen und dem Maß der Möglichkeiten kapitulieren, werden immer zahlreicher, und sie verweigern sich immer früher; denn es gilt: Wer in einem System weitgehender Chancengleichheit seine Chance nicht gleich wahrnimmt, der hat keine mehr.

Da müssen keine Sinnkrisen und Normenverluste beschworen werden, um zu begreifen, daß solche Zukunftsängste unmittelbar in Aggression umschlagen können. Sicher ist auch dies nur ein Teilaspekt des Problems, allerdings der Teil, der die Schulminister angeht. Sie werden sich künftig vor allem mit der quälenden Frage befassen müssen: Warum bringt ein Schulsystem, das alle zu Gewinnern machen möchte, immer mehr Verlierer hervor? Sabine Etzold