Im deutschen Fußball geht wieder die Krise um. Obenauf ist sie in Hamburg und in Köln," akut ist sie wieder in Gelsenkirchen und in Mönchengladbach, von Wattenscheid und Bochum, so sieht es aus, will sie gar nicht mehr weg. Für manche ist Krise erst, wenn der Abstieg droht, für andere schon, wenn Meisterschaft oder UEFA-Pokal verfehlt werden.

Die Krisen haben alle dieselbe Ursache – es wird zuviel verloren. Zwei Wochen lang nimmt man das hin, aber in der dritten, spätestens in der vierten Krisenwoche sind Maßnahmen fällig: Neuer Trainer, neuer Manager, neuer Stürmer. Die sollen bis folgenden Samstag die Krise beenden, indem sie sie an andere weiterreichen.

Besser wäre es natürlich, es würde überhaupt nicht verloren. Dann wäre nirgendwo mehr Krise. Das geht nur leider nicht, denn der Sport verknüpft unabänderlich das Gewinnen mit dem Verlieren. Simpel ist das und logisch. Aber im Profi-Sport von heute soll es nicht mehr wahr sein. Da erwartet man aus dem kommenden Spiel zwei Punkte, alles andere gilt nicht. Auf diese einfache Vorgabe wird das launenhafte Spiel reduziert.

War das nicht schon immer so? Nein. So wie heute ist es erst, seit der Sport sich aufs Geschäftliche eingelassen hat. Der Umsatzplanung unterliegt er wie jeder andere Wirtschaftszweig. In Zahlen wird ihm vorgegeben, was er zu erreichen hat. Äußerlich ist das kaum zu merken, aber innerbetrieblich bringt es einen gründlichen Klimawechsel, nämlich die Wende vom Gewinnen-Wollen zum Nicht-verlieren-Dürfen.

Den Erfolg wollen alle, denen am Sport liegt. Aber wo der Sport geschäftlich verwertet wird, gibt es eine Steigerung. Da wird der Erfolg mehr als gewollt, da wird er verlangt. Die Interessengemeinschaft aus Funktionären, Sponsoren, Werbekunden und Medien paßt auf, daß nicht etwa bloß gespielt wird, sondern daß ihre Rechnung aufgeht. Niederlagen sind in dieser Rechnung nicht vorgesehen. Hier hat der große Sport sein Dilemma und den Grund für seine Fehlentwicklungen. Die Logik des Spiels und die Logik des Geschäfts vertragen sich nicht. Eine von beiden muß kapitulieren, wenn sie zusammengezwungen werden. In der Logik des Spiels liegt es, den Mißerfolg zu riskieren. Die Logik des Geschäfts verlangt, genau dieses Risiko auszuschalten.

Merkwürdig wird das Treiben unter so konträren Bedingungen. Der Ball soll rollen, wie er will, damit es spannend bleibt. Auf keinen Fall darf er aber so rollen, daß etwa der 1. FC Köln absteigt oder der FC Bayern München international nicht mehr dabei ist. Zu gewaltig sind die Rechnungen, durch die da ein Strich gemacht würde.

Systematisches Marketing mit dem Sport und rund um den Sport bedeutet, daß jeder Spielausgang Konsequenzen auf anderen Feldern hat. Und immer wieder mal entscheidet ein einzelner Angriff, ein einzelner Schuß, entscheidet eine Sekundenreaktion über Jahresumsätze. Mit solchen Zentnerlasten an den Füßen braucht der Fußball sich nicht mehr Spiel zu nennen. Der Widerspruch geht an die Nerven und an die Knochen derer, die nicht verlieren dürfen. Hier die ewig unberechenbaren neunzig Minuten auf dem Rasen, dort der Geschäftsbetrieb, der Siege in Auftrag gibt und Niederlagen unter Strafe stellt.