Von Andreas Isenschmid

Von einem Roman, der "Mao II" heißt und auf seinem Cover gleich 45mal Mao Tse-tung in den Portrait-Variationen Andy Warhols abbildet, wird niemand intime literarische Kammermusik erwarten. Die Zeichen scheinen auf öffentlich zu stehen, nicht auf privat, auf Masse, nicht auf Individuum; auf Politik, nicht auf Kunst; auf groß, nicht auf klein.

Wir erwarten politische Jahrhundertszenen, den Langen Marsch und Tiananmen. Und wir kriegen sie auch. Und dazu etwas, das wie eine fluoreszierend gemalte Ikone der Situation des Schriftstellers im 20. Jahrhundert aussieht und das man auch die Jahrhundertszene der Literatur nennen könnte. Don DeLillos "Mao II" ist nicht weniger als der Versuch, Urszenen der Politik und der Literatur in einer gelegentlich boulevardesk plakativen Romanhandlung übereinanderzukopieren (und das Wort Versuch darf man dabei buchstäblich nehmen, denn dieser Roman ist zugleich ein Essay, bisweilen beinahe ein Kommentar, ein krimihaft spannender und mit weitestgespannter aktueller Erfahrung vollgesogener freilich, über das Verhältnis von Kunst und Politik heute).

Jahrhundertszene der Literatur? Für DeLillo gibt sie nicht der Schriftsteller in der Öffentlichkeit, gar auf der Barrikade. Nicht Brecht in der Mao-Jacke. Nicht Georg Lukàcs, der, ben trovato, bei seiner Festnahme mit Operettenpathos seinen Füller als "Waffe" abgibt und später, als er im schwarzen Auto weggefahren wird, vor sich hinmurmelt: "Kafka war doch Realist." Nicht Sartre und seine litterature engagée, die das Wort als "Instrument" der "Enthüllung" benutzte.

DeLillos Jahrhundertszene meint den Autor, der sich aus der Welt der Öffentlichkeit und der instrumenteilen Sprache zurückgezogen hat. Den Autor in der Einsamkeit seiner Individualität. Den Autor, der, mit einem Ausdruck Sartres, "die Wörter als Dinge, nicht als Zeichen" betrachtet. Geradezu klassisch hat James Joyce sein Alter ego Stephen Dedalus in "Portrait des Künstlers als junger Mann" diese Szene spielen lassen: "Ich will nicht dem dienen, an den ich nicht länger glaube, ob es sich mein Zuhause nennt, mein Vaterland oder meine Kirche: und ich will versuchen, mich in irgendeiner Art Leben oder Kunst so frei auszudrücken wie ich kann, und so vollständig wie ich kann, und zu meiner Verteidigung nur die Waffen benutzen, die ich mir selbst gestatte – Schweigen, Exil und List."

DeLillo hat sich auf diese Joycesche Szene verschiedentlich bezogen. Er hätte sich auch auf Proust im Exil seines Korkzimmers, auf Kafka im Schweigen seiner (nicht) verbrannten Werke, auf die unauffindbaren Salinger und Pynchon und auf sich selber und Bill Gray, den Helden von "Mao II", beziehen können.

Mit Bill Gray hat DeLillo dem einsamen weitabgewandten Autor ein letztes Denkmal gesetzt. Gray lebt noch zurückgezogener, als DeLillo selber lange gelebt hat, er lebt so unauffindbar, wie Thomas Pynchon, der würdigste Nobelpreis-Kandidat dieses Herbsts, in Wirklichkeit lebt. Wie von Thomas Pynchon existiert auch von Bill Gray kein Photo. Wer zu Gray will, muß sich auf komplizierte Verabredungen und auf geheimnisvolle nächtliche Fahrten mit seinem Assistenten Scott Martineau einlassen.