Von Lothar Baier

Oh, wie nett’, erwiderte Lady Oliva. ‚Ich wußte gar nicht, daß es in Kanada auch Dichter gibt.‘“ Und ob: einer von ihnen, Mordecai Richler, der Urheber des Zitats, hat sich sogar eine ganz phantastische Geschichte ausgedacht. Oben im Nordwesten seines Landes läßt er Eskimos hausen, die sich nicht nur mit hebräischen Schriftzeichen schmücken, sondern auch die Speisevorschriften so streng beachten, daß sie in der monatelangen arktischen Nacht lieber den Hungertod auf sich nehmen, als das in anderen Himmelsgegenden entworfene Gebot zu verletzen, in der Nacht des Jom Kippur zu fasten. Auf welchen Wegen ist die jüdische Orthodoxie über den Polarkreis hinaus vorgedrungen?

Der Autor hat der gescheiterten Expedition Sir John Franklins von 1845 einen bisher unbekannten Teilnehmer verschafft, den ostjüdischen Immigranten Ephraim Gursky, und ihn als einzigen überleben lassen. Von Eskimos hochgepäppelt, hat Gursky seinen Rettern zum Dank die Religion seiner Väter und ein paar jiddische Wörter dagelassen, bevor er sich in den wärmeren Süden absetzte, an die Grenze zwischen Quebec und den USA. Dort, in der Heimat des gebürtigen Montréalers Mordecai Richler, der heute in den eastern townships (oder cantons de l’est) Quebecs nahe dem US-Bundesstaat Vermont lebt, verzweigt sich die Geschichte des Abenteurers Ephraim zur ausufernden Familiensaga des im 20. Jahrhundert zu Geld und Macht gelangten Gursky-Clans.

Damit ein richtiger Clan zustande kommt, muß kräftig kopuliert werden; das geschieht meist im Spiegel des Idioms, das zu vorgerückter Stunde an Kneipentischen aufzublühen pflegt („Ihre Hand schloß sich um seinen Hodensack, und verblüfft stellte sie fest, daß er nur einen Hoden hatte ... ‚Ist ja irre!‘ rief sie und ließ ihre Zunge .. .“). Und viel Alkohol muß her, damit sich die Zungen lösen, in allen Ausführungen, Dom Pérignon, Chassagne-Montrachet, Bier von Molson und Labatt, vor allem Whisky der McTavish Distilleries, denn dies ist der Saft, der den Nachkommen des frommen Ephraims Glück und Vermögen bringt. Zuerst, während der Prohibitionszeit, haben die Gurskys ihn nur über die amerikanische Grenze geschmuggelt, später produzieren sie ihn selbst in großem Stil mit Hilfe des Schmuggelprofits und werden noch viel reicher. Auch der Chronist, den Richler als Gursky-Biographen dazwischenschiebt, kommt nur in Schwung, wenn der Nachschub von Wodka und Scotch gesichert ist, möglichst Macallan Single Highland Malt, eingenommen im „Caboose“, im „Crystal Lake Inn“, in „Horn’s Cafeteria“, im „Winnie’s“, im „Grumpy’s“.

Solomon Gursky war hier, oder Charles Bukowski läßt gelegentlich in kanadischem Outfit grüßen. Ein ambitionierter Bukowski jedoch, der inzwischen Thomas Pynchon gelesen zu haben scheint, sich jedenfalls einbildet, zwischen Besuchen im „Hotsy-Totsy-Club“ mal eben kurz die Naturgesetze außer Kraft setzen zu können, damit sein Solomon Gursky, das schwarze und deshalb vom Autor mit besonderer Liebe gepflegte Schaf des Gursky-Clans, seinen wahrscheinlich gewaltsam herbeigeführten Tod im Jahr 1934 überleben und in den abenteuerlichsten Verkleidungen in den Lauf der Welt eingreifen kann: von Maos Langem Marsch bis zur Befreiung der Geiseln von Entebbe durch ein israelisches Kommando. Das großmäulige Whisky- und Titten-Idiom, das Richler glänzend beherrscht, eignet sich nur denkbar schlecht dazu, solche Kapriolen durch die neuere Weltgeschichte in die kalt entworfenen Einzelbilder aufzulösen, die sie erst interessant machen können. Es läßt höchstens die vielfach bekräftigte Behauptung zu, daß das alles irre und daß dieser oder jener ein verrückter Typ sei. Das Idiom erlaubt es jedoch nicht, das Irre und das Verrückte mit detailgenauer Besessenheit auszumalen. Bei Macallan Single Highland Malt muß ohnehin mit allem gerechnet werden, besonders dann, wenn die Protagonisten nach dem Lachsfischen im „Caboose“ zusammenkommen. Selbst die Rebhühner lassen sich, wie mitgeteilt wird, von der beschwingten Stimmung in der Nachbarschaft anstecken und berauschen sich ersatzweise an vergorenen Apfelstrünken. Nach ein paar hundert Seiten Lektüre entfaltet der literarische Alkoholdunst in Richters Roman leicht die Wirkung eines sanft biologischen Schlafextrakts.

Der Witz der ganzen Gursky-Saga steckt nicht in dem, was die Geschichte erzählt, sondern in dem, was sie meint: Es handelt sich um eine reichlich in die Breite gegangene Satire, deren Anspielungen nur in Nordamerika ohne Nachhilfe zu entziffern sind. Anderswo muß der Witz erst erläutert werden, und damit ist er tot, ehe über ihn gelacht werden kann. Es gibt in Kanada nur eine einzige landesweit bekannte Dynastie, die, wie Richters Gursky, sowohl ein Whisky-Imperium beherrscht als auch die Stadt Montreal durch die Stiftung von Kunstzentren und Universitätsgebäuden erfreut, das Haus Bronfman mit seiner Marke Seagram’s (hic nomen est omen, denn das jiddische Wort „Bronfen“ bedeutet Schnapsbrennen). Den Bronfmans, die den derzeitigen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses stellen, unter dem Namen Gursky allerlei windige Vorfahren, Schmuggelgeschäfte, mystische Neigungen und Erbschaftsstreitigkeiten angedichtet zu sehen, mag nordamerikanische Leser und solche aus der Gegend von Montreal recht angenehm erheitern und sie, in der Erwartung der nächsten Richterschen Stichelei, ohne Murren bis Seite 600 durchhalten lassen. Ohne die ständige Zufuhr von solchem Leserwissen klebt der voluminöse Roman „Solomon Gursky war hier“ müde am Boden: ein gewaltiger Heißluftballon, dem das eigene, den Auftrieb unter allen Umständen herstellende Heißluftaggregat fehlt. Das Publikum ist gehalten, es selbst mitzubringen, wenn es seinen Spaß haben will.

Der 1931 geborene Mordecai Richler, Kind des Montrealer Viertels, in dem auch Leonard Cohen das Licht der Welt erblickt hat, verdankt sein Renommee weniger den Qualitäten seiner Erzählkunst als seinen beachtlichen Talenten als literarischer troubleshooter. Erst in diesem Jahr wieder versetzte er die Öffentlichkeit seiner Heimatprovinz Quebec mit einem Pamphlet in Aufruhr, das der frankophonen Mehrheit vorwirft, sich noch nicht vom „Stamm“ zur „Gesellschaft“ emanzipiert zu haben. Dabei ist es eher die in den sechziger Jahren eingeleitete Emanzipation der Frankokanadier, die dem in der anglophonen Gesellschaft Montreals verwurzelten Richler den Humor verdirbt. Er trauert verbissen den guten alten Zeiten nach, als die Anglophonen in der Provinz ökonomisch und kulturell allein das Sagen hatten und die frankophone Mehrheit sich mit Arbeiten und Zuschauen zufriedengab.