Von Maria Huber

Anatolij Tschubais, russischer Vizepremier und Minister für Privatisierung, blieb unerschütterlich. Geradezu provozierend gelassen hörte der 37jährige Exparteifunktionär aus St. Petersburg im russischen Parlament die vernichtende Kritik am Privatisierungsprogramm der Regierung an. „Das ist Betrug am Volk“, verdammte der populistische Abgeordnete Michail Tschelnokow die Ausgabe von 10 000-Rubel-Gutscheinen an jedermann im Lande. „Diese Vouchers dienen doch nur als Vehikel, um am Ende einen kleinen, exklusiven Kreis von Privateigentümern zu schaffen.“ Nach diesen Worten stürmte der markante Glatzkopf vom Rednerpult zur Kabinettstribüne, zog ein Bündel Voucher-Vordrucke aus der Tasche und bewarf den Minister damit.

Von Donnerstag an kann jeder Bürger Rußlands mit seinem Voucher Aktien von Staatsunternehmen aus dem Besitz der Russischen Föderation erwerben – so will es Rußlands Präsident Boris Jelzin. Doch bislang sind nur 5500 große und mittlere Unternehmen bereit, sich in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und damit das Gewohnheitsrecht auf staatliche Subventionen aufzugeben. Und zugleich wächst die Liste jener Branchen und Betriebe, die das Staatskomitee für Eigentum unter massivem Druck von Ministerien und Konzernen von der „Volksprivatisierung“ ausschließt. So weiß selbst im Umfeld der Regierung niemand, ob das Aktienangebot im kommenden Jahr für alle Voucher-Inhaber ausreicht.

Die große Mehrheit der Bevölkerung kann nicht sagen, was sie mit den Vouchers anfangen soll. Viele hatten bisher nicht einmal das Wort gehört: „Wautscher...Was für Wautscher?“ fragte der Meister eines Möbelbetriebs. „Ach meinen Sie vielleicht die Woltschij-Billetts?“ Woltschij-Billetts („Wolfs-Scheine“) nannte der Volksmund während der Stalinzeit jene Papiere, mit denen Lagerinsassen in die Freiheit entlassen wurden. Mit diesem Schein und ein paar Rubeln, aber ohne Paß hatten die Befreiten keinerlei Rechte und kaum eine Zukunft. Diese Praxis wie auch das Wort stammen aus der Zarenzeit, wo es schon eine ähnliche Regelung für Verbannte gab. Die Assoziation des Handwerkermeisters beim Wort Voucher hat durchaus Symbolgehalt für die jetzige Entlassung der Menschen aus der Totalität des Staatseigentums.

Die 63jährige Moskauer Rentnerin Polina Iwanowna wundert sich, daß sie ihr Voucher gratis bekommen soll. „Aber was sind Aktien?“ Und überhaupt, einen Kühlschrank möchte Polina kaufen, keine unbekannten Aktien. Ihre Nachbarin, eine 28jährige Ingenieurin, denkt nur an eine Wohnung. Sie lebt mit dem Mann und drei kleinen Kindern in einem Einzimmerappartement. Ihr Gast, der Bruder aus Jekaterinburg, will unbedingt in Aktien des städtischen Fernamts investieren, damit er endlich einen Telephonanschluß erhält. Ohne Telephon kann er seine Geschäfte als Großhändler nicht länger abwickeln.

Mit der Ausgabe der Gutscheine demonstriert die Regierung, daß die Bürger endlich die Freiheit zur Beteiligung am Staatseigentum erhalten. Vom Säugling bis zum Greis können alle Einwohner Rußlands bis Ende des Jahres in Sparkassenfilialen oder Wahllokalen auf eine spezielle Einladung hin und gegen eine Gebühr von 25 Rubeln ihr Voucher abholen oder abholen lassen.

Doch nicht nur Rentner möchten lieber Waren als Wertpapiere sehen. Dreizehn Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze von 1200 Rubel im Monat. Zumindest jeder dritte Gutschein – entsprechend der Bevölkerungszahl gibt es rund 150 Millionen Vouchers – wird schnell an Bekannte oder Händler weiterverkauft werden. Offen ist vorerst, zu welchem Preis.