Von Wolfgang Blum

Schon die alten Griechen wußten es: Öl glättet die Wogen. Zahlreiche Schiffbrüchige aus der Antike wie aus der Neuzeit verdanken dieser zum Sprichwort gewordenen Erkenntnis ihr Leben. Doch was die in Seenot Geratenen rettete, wurde in den vergangenen Jahren manchen Kapitänen zum Verhängnis: Ein allzu glatter Meeresspiegel verriet den Behörden, daß die Schiffsführer mehr Altöl in die See abgelassen hatten, als die Gesetze erlauben.

Ölfilme hemmen das Brechen der Wellen und machen sie flacher – und das nicht nur bei leicht gekräuseltem Wasser, sondern auch bei Wellenlängen von mehreren Metern. Bereits wenige Liter Öl genügen, um den Seegang deutlich zu beruhigen. Diese alte Seefahrerweisheit haben Ozeanographen bis in die jüngste Zeit angezweifelt. Doch 1979 klärte ein Versuch die Lage. Ein von Wissenschaftlern ausgelegter Oberflächenfilm dämpfte Wellen von mehr als drei Metern Länge. Bis heute weiß freilich niemand genau, warum eine nur Bruchteile von Millimetern dicke Ölschicht solche Wirkung zeigt.

Hafenliegezeiten sind teuer. Deshalb pumpen viele Kapitäne ihr Altöl einfach ins Meer. Tanker waschen zudem auf offener See ihre Tanks aus, damit sich dort keine Rückstände festsetzen können. Um solchen Umweltverschmutzern auf die Schliche zu kommen, setzen die zuständigen Stellen speziell, ausgestattete Flugzeuge ein. In der Baltischen See und in der Nordsee führt die Wasser- und Schiffahrtsdirektion des Bundes jährlich 200 bis 300 Überwachungsflüge durch. Eines der wichtigsten Instrumente ist dabei ein Gerät, das Radarwellen schräg von oben auf das Meer aussendet. Ist das Wasser gekräuselt, trifft ein Teil der Strahlung senkrecht auf die Oberfläche und wird zum Radargerät zurückgeworfen, das die Rückstreuung registriert. Dort, wo er spiegelglatt ist, reflektiert der Ozean die schräg einfallenden Radarwellen dagegen allesamt weg vom Flugzeug. Am Bildschirm des Überwachungsgerätes eischeint dann ein schwarzer Fleck. Er ist für die Bordmannschaft Grund genug, stutzig zu werden: Oft findet sie dort Öl vor.

Allerdings sind nicht immer kriminelle Kapitäne dafür verantwortlich, wenn die Wellen geglättet sind. Zuweilen handelt es sich um natürliche Ölfilme, die durch Fettabsonderungen von Plankton und anderem Meeresgetier entstehet. Diese von Mineralöl unterscheiden zu können war Ziel eines Versuchs, dessen Auswertung Ozeanographen und Chemiker der Universität Hamburg kürzlich veröffentlichten.

Im vergangenen Jahr legten die Wissenschaftler vom Hubschrauber aus acht Ölfilme unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung. Ein zweiter Helikopter überflog das Gebiet mehrmals und machte Radaraufnahmen. Dabei verwendete des Gerät vier verschiedene Frequenzen. Die gemessenen Werte stimmten indes nur teilweise mit den theoretischen Modellen überein. Den Wissenschaftlern gelang es nicht, die einzelnen Substanzen allein an ihren Radarbildern zu erkennen. Der Hamburger Ozeanograph Werner Alpers glaubt dennoch, in naher Zukunft mit dieser Methode die von Schiffen verursachten Ölverschmutzungen eindeutig identifizieren zu können.

Wenn das Radargerät eines Überwachungsflugzeugs eine geglättete Oberfläche ausmacht, muß die Mannschaft an Bord nicht unbedingt sofort entscheiden, ob es sich um Mineralöl handelt. Denn ihr stehen noch andere Instrumente zur Verfügung, mit denen sie herausfinden kann, was sich da auf dem Wasser breitmacht. Sensoren, die thermale Strahlung messen, registrieren bei Öl eine höhere Temperatur, da es mehr Sonnenwärme aufnimmt als andere Substanzen. Optische Geräte erkennen das "schwarze Gold" daran, daß es ultraviolette Lichtwellen stärker reflektiert als Meerwasser. Diese Apparate sind jedoch nicht unabhängig von Wetter und Tageszeit.

Die von Radargeräten ausgesandten Mikrowellen durchdringen dagegen Wolken und funktionieren auch nachts. Einige Erdbeobachtungssatelliten sind mit Radarsystemen bestückt, etwa der europäische ERS-1. Auch sie können Ölfilme entdecken. Für die Zukunft ist es vorstellbar, die Ozeane routinemäßig aus dem All zu überwachen. Dazu müssen jedoch die Computer der Bodenstationen auf den Radarbildern Ölverschmutzungen von tierischem Fett eindeutig unterscheiden können. Davon kann heute noch nicht die Rede sein. Warum Öl die Wogen glättet, bleibt weiterhin ein Rätsel.