Von Renate Wiggershaus

Primo Levi, italienischer Jude aus Turin, der 1943 nach Auschwitz deportiert worden war, wo ihm alles genommen wurde – alles, außer dem Leiden und der Scham, die Qual von Menschen mitansehen zu müssen, ohne helfen zu können. Primo Levi sagte einmal, eines der großen Traumata von Auschwitz sei das Fehlen von Kommunikation gewesen. Nach der Befreiung litt er darunter, daß er, der sich "als Bewahrer einer wesentlichen Erfahrung, eines Stückes Weltgeschichte" verstand, nicht gehört wurde, daß "nach seinem Zeugnis nicht verlangt" wurde, daß das, was er zu erzählen hatte, andere völlig gleichgültig ließ. "Solange wir leben", heißt es in einem späten Aufsatz "Über dunkles Schreiben", "und welches Geschick uns auch immer bestimmt oder von uns selbst gewählt sein mag, zweifellos werden wir den anderen und uns selbst umso nützlicher (und willkommener) sein und umso länger in Erinnerung bleiben, je besser die Qualität unserer Kommunikation war."

Sprechen und im Gespräch miteinander verbunden bleiben – diese Haltung und dieses Bedürfnis sind tief in der jüdischen Tradition verankert. Der Talmud, die Zusammenfassung von Lehren und Lernen des nachbiblischen Judentums, ist das Produkt einer tausendjährigen Kommunikationsarbeit. Es ist ein wissenschaftliches Streitgespräch, in dem die Textsäule der Mischna, der Lehre der Väter, umrahmt und durchdrungen ist von den Interpretationen und Neuformungen der Gemara, von Kommentaren und Verweisen, Gleichnissen und Legenden, Anekdoten und geschichtlichen Erinnerungen – eine gewaltige Architektur der Sprache, in der noch die abweichenden Meinungen einzelner aufbewahrt sind, denn solange das Gespräch weitergeht, ist nichts endgültig, kann alles in neuem Licht anders erscheinen.

Amos Oz steht ganz in dieser Tradition. Er trat als Jugendlicher in einen Kibbuz ein, begann irgendwann, neben der landwirtschaftlichen Arbeit auch publizistisch tätig zu werden, wurde aufgrund seines Erfolges auf diesem Gebiet an immer mehr Tagen der Arbeitswoche fürs Schreiben freigestellt, bis eines Tages die Verständigungsarbeit seine Hauptbeschäftigung bildete und er den Kibbuz verließ.

Alle Bücher dieses politisch engagierten, differenziert urteilenden Schriftstellers – Romane und Erzählungen, Reportagen und Essays – sind Schauplätze extensiven, polyphonen Kommunizierens. Ob es um die Einbeziehung des Lesers geht, wie sie sich in dem Roman "Keiner bleibt allein" bereits im ersten Satz ("Vor Ihnen liegt der Kibbuz .. .") ankündigt, oder um Auseinandersetzungen zwischen den Generationen ("Der perfekte Frieden"), zwischen den Geschlechtern ("Mein Michael"; "Black Box"), um das Heraufbeschwören der Vergangenheit ("Eine Frau erkennen") oder ob es sich um Konfrontationen zwischen Kibbuzbewohnern handelt ("Elsewhere, Perhaps") – immer geht es um sprachliche Klärung und um eine durch Diskussionen vorangetriebene Suche nach dem Standort des einzelnen und dem des jüdischen Volkes im nationalen und internationalen Kontext.

Auch Amos Oz’ jüngster Roman, "Der dritte Zustand", stellt ein an- und abschwellendes, inneres und äußeres, ein- und vielstimmiges Reden dar, in dem profane Alltagserfahrungen, historische und politische, geschlechts- und generationsspezifische Probleme in Dialogen und Selbstgesprächen, in Briefen, in Visionen und Träumen thematisiert werden. Der Protagonist, Dr. Ephraim Nissan, von seinen Freunden Fima genannt, ist geradezu ein Rede- und Kommunikationsfanatiker: jemand, dem sich die Kette alltäglicher Erfahrungen sogleich in Selbstgespräche verwandelt; jemand, dessen rhetorisches Talent sich in Wortgefechten, in Kaskaden von Fragen, in endlosen Monologen entfaltet; jemand, der auch lange zuhören kann, der mit Tieren spricht, dessen Hände mit dem Körper einer Frau genauso verständnissinnig kommunizieren wie mit dem eigenen Glied.

Fima arbeitet halbtags als Sekretär in der Aufnahme einer gynäkologischen Privatpraxis. Er ist 54 Jahre alt, geschieden, übergewichtig, ziemlich schlampig, aufreizend vergeßlich, zuweilen besserwisserisch. Und doch ist etwas an ihm, das die Menschen seiner Umgebung anzieht, das Vertrauen einflößt. Das muß an der leidenschaftlichen Intensität liegen, mit der er am politischen und sozialen Geschehen Anteil nimmt, das ihn mal mit Empörung, mal mit Wut, dann wieder mit melancholischer Ironie, mit schmerzlicher Trauer oder auch gesteigerter Zuneigung auf Freunde und Freundinnen reagieren läßt. Auch an seiner Suche nach einem Zustand uneingeschränkter Gegenwärtigkeit, den er selber als den "dritten Zustand", als einen von absoluter Wachheit und tiefstem Schlaf gleich weit entfernten, bezeichnet: "Der dritte Zustand ist eine Gnade, die zu erlangen man sich jeglichen Willens entledigen und unter dem Nachthimmel stehen muß, alterslos, geschlechtslos, zeitlos, volklos, ohne alles."