Von Hubert Winkels

Der 34jährige Wiener Werner Schwab ist ein gefeierter und begehrter Theaterautor. Er gilt als Stimme aus dem häßlichen Off unserer schönen neuen Kulturwelt, als Spezialist für die Verwandlung von grobem Rededreck in bizarre Kommunikationsrituale. Litaneihaft wie Bernhard, stumpf und bösartig wie die Jelinek, schreiintensiv wie Rainald Goetz und auf perverssentimentale Weise heimathäßlichkeitserfüllt wie früher Kroetz und Achternbusch. Böse Farcen sind seine Theaterstücke; die erste Sammlung, im vorigen Jahr erschienen, heißt "Fäkaliendramen", und selten hat man das Verworfene und Gemeine so routiniert und manieriert zur Form gepreßt erlebt. Die Dramen sind vom Sprachmaterial her gedacht und gemacht (Schwab stammt aus Graz). Der Rest, die grob geschnitzten Figuren und Handlungsbrocken, klappert laut und häßlich hinterher. Ein Fall für das Theater, für stimmliche und szenische Animation. Als Lesestücke ermüden sie rasch.

Um so größer ist die Aufmerksamkeit für die erste Prosaarbeit des kunstbewußten Sprachberserkers. "Abfall, Bergland, Cäsar" heißt sie ABCgemäß und gibt sich als "Eine Menschensammlung". Nehmen wir sie vorläufig auch so und nähern uns über einen historischen Umweg. Im 17. und 18. Jahrhundert waren literarische "Menschensammlungen" populär. Es wurden Eigenschaften und Verhaltensweisen isoliert und unter Titeln wie "Der Vielredner" oder "Vom Bild eines abgefeimten Spitzbuben" an Beispielen vorgeführt und kritisch kommentiert. Die Gattung der Sittenbilder in Anekdoten und Portraits begleitete den Aufstieg des Bürgertums, sie karikierte die auswendigen und abgelebten Formen adligen Verhaltens und arbeitete, um mit Norbert Elias zu sprechen, an der Innensteuerung des Verhaltens, also an der Produktion der modernen Psyche. Eines der bekanntesten Werke der französischen Moralisten heißt schlicht "Charaktere". La Bruyère zeichnet darin ein skeptisches Bild menschlicher Umtriebe. Einer seiner Nachfolger, Nicolas Chamfort, warf ihm später (zu Unrecht) vor, er habe "die Latrinen gesehen, aber nicht das Gebäude".

Was hat das Schwabsche Prosabuch damit zu tun? Auf den ersten Blick zweierlei: Schwab führt anhand der abstrakten und äußerlichen Ordnung des Alphabets eine stattliche Galerie von Figuren mit distinkten Verhaltensweisen und Ansichten vor; vom Opportunisten zum Künstler, vom Schönling zum Dummbauern, vom Denkakrobaten zum Nächstenliebespießer. Und er hält es, im Gegensatz zu La Bruyère, tatsächlich mit der Latrinenperspektive; er unterbietet sie noch: Nicht die Latrinen sieht er, sondern wie sie in die Luft fliegen. Kot, Gedärme, Innereien aller Art, Blut, Haut und Knochen, das gesamte schwach gebundene Ensemble des menschlichen Körpers bildet zusammen mit Dreck und Erde, Schleim und Morast, Viecherei und fettem Fraß den metaphorischen Bezugsrahmen für die Entfaltung der verschiedenen Denk- und Verhaltenstypen.

Doch ein Gegensatz ist aufschlußreicher als die Gemeinsamkeiten: Die Moralisten entwickelten ihre Typologien vor der Moderne, Schwab entwickelt die seine dezidiert danach: Er löst die Einheit Mensch auf und läßt nur noch die meist schäbigen Reste über die Seiten flattern, schwach bewegt vom angestrengten Pusten seiner expressiven Sprache. Ein leiernder und krächzender Abgesang, der sich gleichwohl an eine klassische Form anlehnt.

"Abfall, Bergland, Cäsar" besteht aus Reflexionen und angehängten Beispielen. Beispiele, die sich paradoxerweise gegen ihre Verallgemeinerung wehren. Greifen wir eins heraus, "greifen wir also auf beispiel B". B ist eine Art Philosoph, vielleicht auch nur ein Gedankenknoten mit gepunkteten Unterhosen. Gewohnt, immer im bekannten Zentrum des Gedachten zu verweilen, hat sich B an die Peripherie seines Denkens verirrt und ist den Abfall gewahr geworden, den sein begrenztes Denken bisher erzeugt hat. In diesem Abfall treibt er sich nun herum, "um sich als geworfener unter geworfenem einen romantisch eingesulzten schmerz anschaffen zu können". Doch schon hat sich die Metapher vom Müll als dem anderen Denken (dem Denken des anderen) verselbständigt, und B steht als lächerliche Figur in Unterhosen, klein, krank und mit behaarten Beinen auf der Müllhalde herum (Cäsar im Bergland) und möchte sich die schwitzenden Geschlechtsteile von den "verhältnismäßig kühlen müllschwaden" umwehen lassen. Er gerät in die Aporie der Selbsterkenntnis, er begreift, daß sein Weiterdenken immer nur das Schon-Verstandene ist (und umgekehrt), und ist zum Tod bereit; sagen wir, zum Tod aus Einsicht in die Unmöglichkeit der Erkenntnis des anderen. Dies führt nun ruck, zuck zum Selbstmord durch Aufschlitzen von Haut und Adern mittels gezacktem Deckel einer Erbsendose.

Solch grausame Tode machen dem Autor heftigen Spaß. Fast alle seine Buchstaben-Figuren werden von ihm, der sich im Kollektiv als "autorenschaft" ins Spiel bringt, notgeschlachtet, ausgedrückt, ausgemerzt, eingeebnet, abgestochen, ausgerottet und so weiter. Mord ist für Schwab offensichtlich die größte Annährung an die Wirklichkeit, die sich ansonsten allen Figuren und dem Text entzieht, grundsätzlich und mit System. Der Autor greift sich seine As und Bs und Cs und läßt sie nach kurzem, heftigem Sprachgebrauch skrupellos über die Klinge springen. Er traut sich das, weil die Figuren kaum mehr als eine anthropomorphe Unreinheit im abstrakten Spiel der Schrift sind; weil sowieso, wie er nicht müde wird zu sagen, alles nur auf dem Papier geschieht und keineswegs in einer wirklichen oder auch nur vorgestellten Wirklichkeit.