Bilder aus dem Alltag eines entfernten Planeten, Szenen einer fremden, schmutzigen Welt: Ein paar Männer und eine Frau kämpfen gegen den Drogendschungel von Paris, in Hinterhofspelunken, Abrißhäusern, Containerbüros, an verfallenen Straßenecken, auf verwahrlosten U-Bahnsteigen. Ihre Heimstatt ist die Gosse, ihre Arena die Hölle. Ihr Job ist es, die kleinen Dealer zu verhaften. Manchmal, wenn ihnen das nicht gelingt, halten sie sich an Junkies schadlos. Das verbessert die Statistik, auf die ihr Inspektor großen Wert legt. Und es sorgt dafür, daß sie ihren Job als aussichtslosen Krieg mißverstehen.

Lucien „Lulu“ Marguet (Didier Bezace), der Bulle im Zentrum der Ereignisse, ist darüber zu einem modernen Sisyphos geworden. Er nickt, wenn sein Chef ihm sagt, sie könnten tun, was sie wollten, sie kämen doch immer zu spät. Dennoch kämpft Lulu weiter, mit Courage und Engagement, im Grunde jedoch so blind, daß er den Berg vor lauter Steinen nicht sieht.

Sie nehme Stoff, um auf die Straße gehen zu können, sagt Cécile einmal, das junge Mädchen, um das Lulu sich kümmert, und dann gehe sie wieder auf die Straße, um sich den Stoff leisten zu können. Aus diesem Kreislauf komme sie nicht raus. Lulu, zutiefst enttäuscht: „Dann krepier doch!“ Tavernier zeichnet ein düsteres, bitterböses Bild seiner Stadt. Das alte, mythische Flair ist weg, die Aura des Leichten, Unbeschwerten, das Tralala. Was bleibt, ist ein Wirrwarr aus Krieg und hartem Geschäft – und der Gestank von Abfall und Verwesung.

Am Rande erzählt der Film mit bösem Unterton, wie schwierig das Zusammenleben zwischen Männern und Frauen unterschiedlicher Kulturen ist. Er verstehe das nicht, immer gebe es Probleme in Frankreich, erklärt ein Araber beim Verhör, als ein Polizist ihm seine (gefälschte) Aufenthaltsgenehmigung unter die Augen hält. Dessen barsche Antwort darauf: Dann solle er doch nicht herkommen!

Szenen dieser Art waren es wohl, die – nach der Uraufführung auf den Filmfestspielen in Venedig – dazu führten, daß Kritiker dem Film rassistische Tendenzen unterstellten. Da wurde wohl wieder Dargestelltes und Darstellung verwechselt, Thema und Ausführung. So als habe im Kino stets das Gutgemeinte zu triumphieren, als dürfe die filmische Essenz nicht hinausgehen über das, was ihr als Idee zugrunde liegt. Dabei, da braucht man bloß seinen Augen zu trauen, ritzt gerade die radikale Präsenz des Äußeren bei Tavernier am Innersten der Dinge – an Wahrheit und Moral.

Eine der monierten Szenen beweist dies sehr deutlich. Als ein Polizist einen Araber zusammenschlägt, außer sich vor Wut darüber, daß er so hilflos ist vor der Gewalt der Drogen, fragt ihn einer seiner Kollegen, wieso er denn das getan habe. Der, noch immer aufgebracht, antwortet: „Wieso Araber? Schwarz, braun, weiß, das ist mir doch egal! Es gibt nur Dealer!“ Tavernier breitet en détail aus, worum es ihm geht, ohne daß er seine Details dramaturgisch bändigt. Er zeigt vieles bis an die Grenze des Erträglichen, um sein Bild schärfer zu konturieren. Er präsentiert, ohne zu demonstrieren, fängt Ärmliches und Abstoßendes ein, Schäbiges und Schmutziges, Widerborstiges und Widerliches – und läßt alles für sich wirken, im Sinn einer education permanente.

Den Polizisten, das stellt der Film klar, geht es kaum besser als ihren Opfern. Ihr Leben im Dreck nimmt ihnen den Atem zur Ruhe danach. Sie bilden die Spiegelseite der kleinen Fische, mit denen sie sich herumschlagen. Sie arbeiten, reden und trinken zuviel. Wie bestellt und abgeschoben wirken sie in ihrem Containerbüro. Sie haben zuwenig Geld, zuwenig Leute, zuwenig Autos. Selbst ihre Berichte schreiben sie noch auf alten mechanischen Tippmaschinen. So, denken sie, bleibt ihnen allein der eifrige, überharte Zugriff. Sales histoires: „Wenn wir überhaupt Resultate wollen, müssen wir am Rande der Illegalität arbeiten.“