Curro lernt den Ekel kennen: Wenn sich der feiste Abt des Klosters übergibt, um noch mehr essen zu können, braucht er einen Diener, der ihm das Gebiß aus der Kotze fischt.

Curro lernt zu überleben: Weil die Mutter wieder einmal schwanger ist und für die reichen Klosterschüler nicht mehr waschen kann, muß der achtjährige Curro die Schule aufgeben und sich als Schweine- oder Ziegenhirt verdingen.

Curro lernt, Todesangst zu fühlen: Wer trockenes Holz aufliest und auf dem Rücken davonträgt, läuft Gefahr, von den Aufsehern des Großgrundbesitzers wie eine lebende Fackel angezündet zu werden.

Gewalt liegt über jedem Versuch, die Not zu bewältigen. Doch Curros Kindheit und Jugend im Tagelöhnermilieu Andalusiens zwischen 1939 und 1945 kennt nicht nur Armut, Abhängigkeit und Schmutz. Die kleinen häuslichen Verrichtungen in der nassen Wohnhöhle, ein Silvesterabend im nachbarlichen Zigeunerviertel, die körperlichen Anstrengungen der Olivenernte – es sind wunderbare Bilder bitteren Glücks, die der erfolgreichen und eigenwilligen niederländischen Kinder- und Jugendliteraturautorin Eis Pelgrom gelungen sind. Und dabei schreibt sie gegen den Trend.

Sie gönnt ihren jungen Lesern keinen Blick zurück im Zorn und auch kein behagliches Zurückschauen aus saturiertem Alter. Die „fröhliche Armut“ der Kindheit hat sich für den Erzähler kaum geändert: Kinderarmut aus der Perspektive der Armut des Erwachsenen. Weder das Schema des Bildungs- und Entwicklungsromans noch die aufklärende Beispielgeschichte des sozial engagierten Realismus dienen hier als Klammer, um heitere und ernste Episoden zu verbinden, vielmehr verzaubert jede Szene für sich.

Curro lernt, aber er bleibt derselbe, und auch die Verhältnisse ändern sich nicht. Er lebt aus der magischen Kraft der Kindheit und der zitternden Erwartung seiner Jugend, während die Armut wie eine drohende, aber nicht zu vertreibende Wolke über ihm schwebt. Die Zeit, der Ort werden dabei zum stimmungsvollen, aber letztlich beliebigen Schauplatz. Mag sein, daß die heute nur noch als Touristenziel bewußte Kulturlandschaft Andalusiens der Autorin besonders vertraut ist, doch auf exaktes Lokalkolorit kommt es ihr nicht an.

Die Flamencotänzerin mit rosa geschminkten Beinen, die nach dem Tod des Geliebten den reichen Gästen ihre Trauer und Verachtung vortanzt, der Vater, der glaubt, dem Kind das Betteln nur mit einer Tracht Prügel austreiben zu können – diese Bilder von Würde und Hilflosigkeit folgen einer Ästhetik der Armut, die der Kraft der Poesie mehr vertrauen als erzählter Information.