Von Werner A. Perger

New York/Bonn

Manchmal sagt sogar er, dem niemand Vergnügungssucht unterstellt: "Ich will ja auch noch leben." In den vier Monaten als Außenminister hat Klaus Kinkel gemerkt, daß die Last zunimmt. Nicht, daß er sein vorheriges Amt als Justizminister leichtgenommen hätte. Ein Vierzehn-Stunden-Tag war auch dort üblich. Aber das Gehetze im neuen Amt ist doch anders, die Fülle überflüssiger Termine und öffentlicher Reden und Auftritte, die ihm für die Katz zu sein scheinen, ist enorm gestiegen. Da macht es Kinkel nervös, wenn er als kommender Parteivorsitzender gehandelt wird. Jedenfalls zum Teil, denn er sagt ja nicht: "Das mach’ ich nicht." Er sagt, er fürchte den Erwartungsdruck der Partei. Und den Streß. Er will ja auch noch leben, was immer das heißen mag.

Klaus Kinkel ist ein Zerrissener, nicht nur in diesem Punkt. Ihm schmeichelt, in den Umfragen als der beliebteste Freidemokrat ausgewiesen zu sein (Hans-Dietrich Genscher taucht in den Ergebnissen nicht mehr auf). Aber zugleich versucht er, einen glauben zu machen, das sei ihm eigentlich ganz schrecklich unangenehm, weil es in der FDP-Spitzenmannschaft Unfrieden schaffen könnte. Er überschätze die eigene Beliebtheit keineswegs: Gewiß wird man nicht so populär, "wenn man eine Gurke ist". Aber andererseits: "Ich bin nicht doof genug anzunehmen, ich sei der Himmelsknabe." Er sei nun mal ein relativ unbeschriebenes Blatt, nicht belastet durch die jahrelange Präsenz in der Öffentlichkeit, da falle es vergleichsweise leicht, Zuneigung zu gewinnen.

Die skeptische Selbsteinschätzung klingt einigermaßen ehrlich – trotz der Koketterie, die darin steckt und die Kinkel heftig bestreitet. Aber er ist dann doch etwas pikiert, sogar ein bißchen beleidigt, wenn Parteifreunde diese Skepsis beim Wort nehmen oder sich gar zu eigen machen. Inzwischen hört man, so als ginge die Schonzeit für Kinkel nun allmählich zu Ende, von Liberalen die kritische Frage nach dem politischen Profil des relativ neuen Parteimitglieds – er trat erst Anfang 1991 in die FDP ein. Hat dieser Mann, der zwanzig Jahre lang aus dem Hintergrund die Fäden zog, tatsächlich das Zeug zum Parteivorsitzenden?

Seine Zerrissenheit ist, ohne daß er das wollte, zu einer Art Markenzeichen Kinkels in der neuen Doppelrolle als Außenminister des Landes und als Hoffnungsträger der Partei geworden. Er fühlt sich nicht nur hin und her gezogen zwischen seiner Popularität und der Sorge, deshalb zu früh zu viel Verantwortung übernehmen zu müssen. Der Riß, der durch Kinkel geht, wird an vielen Beispielen sichtbar.

Der Außenminister will, ausgehend von Maastricht, das größere Europa bauen, getreu dem Motto Vertiefung und Erweiterung. Doch wenn von den Schwierigkeiten die Rede ist, die inzwischen die Bürger in einigen künftigen Mitgliedsstaaten mit Maastricht haben, ist er kurzangebunden: "Sollen sie draußen bleiben, das spart uns vielleicht manches Problem."