Von Andreas Kilb

Gut dreißig Kilometer östlich von Paris, im flachen Land zwischen Weiden und Rübenfeldern, liegt die Stadt, in der unsere Vergangenheiten aufgehoben sind. Dort steht die Ritterburg und das Märchenschloß, dort gibt es die Höhle der Dinosaurier, die Insel der Piraten und den Zaubersee. Die Stadt ist jung, und man hätte sie auch woanders aufbauen können: Sie ist eine Kopie. Die Stadt ist ein Ort der Illusionen und der Spiegel unseres historischen Bewußtseins.

Es ist natürlich taktlos, von dieser Stadt zu reden, wenn es um Fragen hoher Kultur geht, um Geschichte und Vergegenwärtigung, Epochenkunde und Archäologie, um Erlebnisräume des Historischen und ferne Elysien wundgescheuerter Seelen. Aber viel näher als in der Stadt der Illusionen werden wir dem Leben vor unserem Leben, den Zeiten vor unserer Zeit, wohl niemals kommen. Nicht in Xanten, Luxor, Pseudo-Lascaux oder Rothenburg. Nicht bei Umberto Eco, Christoph Ransmayr oder Patrick Süskind. Und dennoch wollen wir dorthin zurück, wo nichts mehr ist außer Fetzen, Texten, Fibeln und Stein.

Seit den Tagen des akademischen Historismus im neunzehnten Jahrhundert gibt es für diese Sehnsucht eine Literatur. Sie blühte im alten Europa, ebbte ab zwischen den Weltkriegen, kam zurück und nahm einen neuen Aufschwung. Jetzt, in den Nebeln des Holozäns, blüht sie wieder. Sie führt uns nach Avalon, in die Subura, zu den Thermopylen und an die Ufer des Nils. Ihre Helden sind aus Plastik, ihre Szenen Pappmaché, und sie lügt mit jedem Wort.

Aber Lawrence Norfolk hat es versucht. Er hat der Stadt der Illusionen getrotzt, ihren Kopien und ihrem falschen Schein, und eine Welt rekonstruiert, die jedem Vergleich mit dem toten Original standhält. Er hat das historische Spiel mit Hingabe gespielt und dabei seine Techniken und Tricks auf den letzten Stand gebracht. Schon deshalb lohnt es sich, sein Buch zu lesen, auch wenn es am Ende nicht mehr ist als ein weiteres Monstrum aus dem Reich der Fälschungen, dessen Zitadelle in Frankreich steht, auf einem Rübenfeld bei Paris. "Lemprières Wörterbuch" heißt der Roman. Die Stadt heißt Disneyland.

*

"Ich habe rund dreihundert Bücher gelesen beziehungsweise zu Rate gezogen." Es hätten auch dreitausend sein können. "Die Geographie von Jersey, London, dem Nawab-Staat Karnatik in Indien, Paris, La Rochelle ... ist zutreffend geschildert ... Und alle dargestellten Reisen waren damals so möglich." Und: "Schiffe, die im Verlauf des Romans genannt werden, segelten, legten an, luden aus, nahmen Passagiere und Fracht an Bord usw., wie und wann ich es beschrieben habe." Sogar "der kaiserliche Gesandte in Konstantinopel ... verschwand tatsächlich zu der Zeit, da ich ihn entführen ließ." Aber das Wetter? "Das Wetter ist historisch richtig beschrieben. Wenn jemand behauptet, es habe am 4. Mai 1799 um 10.30 Uhr geregnet, dann hat es zu dieser Zeit geregnet. Die einzige Ausnahme ist..."