Von Uta van Steen

Eisenhüttenstadt sollte es sein. Vanessa Redgrave kramt einen Zeitungsschnipsel aus dem Observer hervor, in dem über ein Sinti-und-Roma-Lager in der Nähe der ostdeutschen Stadt berichtet wird. Das, bittet sie, möchte sie sich gerne anschauen. Wenn die Schauspielerin – selten genug – auf Publicity-Tour geht, ist eben alles ein bißchen anders als bei anderen Stars. Sie möchte mit eigenen Augen sehen, wie es in deutschen Asylantencontainern zugeht.

Als der Regisseur Polanski einmal gefragt wurde, ob er mit seinen Filmen eine Botschaft transportieren möchte, antwortete er: „Dann würde ich sie mit der Post schicken.“ Vanessa Redgrave dagegen machte aus ihren vielen Botschaften ein Buch: Ein Jahr nach der englischen Ausgabe ist ihre Autobiographie nun auch auf deutsch erschienen („Vanessa Redgrave“, Beltz Quadriga Verlag).

Auf 455 Seiten erzählt sie ihr Leben. Und es ist ein fesselndes Leben: Schließlich ist Vanessa Redgrave nicht nur in einen faszinierenden Schauspielerclan hineingeboren worden (vom Urgroßvater bis zu ihren Töchtern ist die Redgrave-Familie der Bühne verbunden), sondern gleichzeitig eine ebenso engagierte wie umstrittene politische Kämpferin. „In vergangenen Zeiten inspizierten gottesfürchtige Briten immer mal wieder den Platz unter ihrem Bett“, schrieb die Times in einer Rezension ihres Buches, „in der Erwartung, dort Vanessa Redgrave zu finden: mit einem Hammer, einer scharfen Sichel und Revolution in den Augen.“

Politisch aktiv wurde die Schauspielerin mit Anfang Zwanzig, seit 1973 ist sie Mitglied der britischen Trotzkisten. Das Alter hat ihrem intensiven politischen Einsatz der letzten dreißig Jahre – für die Menschenrechte, gegen den Faschismus, für die PLO, gegen Vietnam- und Golfkrieg, Atomkraftwerke, die Ausbeutung der Dritten Welt – nichts anhaben können. Im Gegenteil, einmal oben, ist Vanessa Redgrave niemals von den Barrikaden herabgestiegen.

Wer sie zuletzt als jüdische Sängerin Fania Fénelon in der Arthur-Miller-Verfilmung „Spiel um Zeit“ gesehen hat, zehn Jahre später als Amelia in der „Ballade vom traurigen Café“ oder jetzt als Mrs. Wilcox in James Ivorys „Wiedersehen in Howards End“, ist überrascht von der Attraktivität der mittlerweile 55jährigen. Mit raspelkurzem Haar hat sie Frauen dargestellt, denen die Grausamkeit des Lebens das Gesicht gezeichnet hat.

Blau leuchten ihre Augen, so blau wie die Alster, auf die sie von ihrem Hotelzimmer aus blickt. Diese Augen, auf die Paul Newman neidisch sein müßte, sind es, die zuerst auffallen. Ihr aschblondes Haar ist nachgewachsen und umrahmt ein sehr feingeschnittenes Gesicht. „Ich wollte meine Meinungen einmal zusammenfassen“, sagt sie. „Schließlich kann ich nicht mit jedem einzelnen reden. Doch das, was ich zu sagen habe, soll jedem zugänglich sein.“ Vanessa Redgraves Autobiographie ist keine Ansammlung von Anekdoten und Histörchen, Klatsch und Tratsch. Statt dessen stellt sie ihre politische und professionelle Entwicklung dar und analysiert, wie sehr die eine Leidenschaft der anderen diente. Von ihrem privaten Leben dagegen liefert sie nicht viel mehr als die bloßen Fakten. Wahrscheinlich ist es ihr Bedürfnis nach Wahrheit, das sie ihre Alkoholprobleme immerhin mit ein paar Zeilen anreißen läßt. Doch wie und wann sie sie überwunden hat, bleibt offen.