Seit Jahrzehnten hat sich die Autorin journalistisch mit dem Thema Schule befaßt Kaum jemand kennt sich hier so gut aus wie sie und wäre besser geeignet, eine Bestandsaufnahme, ein Protokoll der „Schulgeschichte“ der Bundesrepublik zu schreiben. Indem sie ihr Buch das „Protokoll eines Notstands“ betitelt, verrät sie ihre eigene Haltung. Jutta Wilhelmi hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie all ihre Hoffnungen für bessere, menschlichere Schulen auf die Reformversuche der frühen siebziger Jahre gesetzt hat; auch diesmal stellt sie klar, wie wenig ihrer Ansicht nach im Lauf der Jahre geglückt ist, wie veränderungsbedürftig die Schule in Deutschland immer noch ist – trotz aller bisherigen Anstrengungen.

Doch ihre „Kritik“ kommt eher sanft daher, drückt weniger Schärfe als Resignation aus. Und die „Perspektiven“ sind vage und allgemein gehalten. Das hängt zum Teil mit der von der Autorin gewählten Form zusammen. Da sie so lange und häufig über Bildungs- und Schulfragen schreibt, weiß sie, wie schwer ein derart sperriges Thema journalistisch aufzubereiten ist. So verzichtet sie hier auf trockene Informationen, reiht vielmehr Impressionen und eigene Erfahrungen in kurzen Kapiteln aneinander. Das Protokoll wirkt so mitunter wie mit dem Weichzeichner geschrieben: gefälliger, unpräziser und unkritischer, als es dem Thema angemessen wäre und als es im Grunde wohl gemeint ist. Schon in den Kapitelüberschriften schlägt sich das nieder. „Die Stimme aus dem Turm“, „Rufer in der Wüste“, „Irrungen und Wirrungen“ – Jutta Wilhelmis Buch ist weniger ein Protokoll, als eine leicht melancholische Bildungsreise durch die deutsche Schullandschaft.

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  • Jutta Wilhelmi:

Schule: Protokoll eines Notstands

Bestandsaufnahme. Kritik. Perspektiven; Orell Füssli Verlag, Zürich und Köln 1992; 232 S., 48,– DM