Von Elisabeth Wehrmann

Wenn in alten Zeiten Fürsten und Potentaten vor den Nachbarn ihre Macht entfalten wollten, reisten sie mit Tänzern und Trompeten, Gauklern und Gelehrten durch die Lande. Später halfen Künstler und Küchenmeister, Kastraten und Kantaten, die eigene Kultur vor Fremden wirkungsvoll zu inszenieren. Kultur als dritte Dimension der Auswärtigen Politik, nationale Imagepflege als Instrument der politischen Öffentlichkeitsarbeit im Ausland sind Produkte unseres Jahrhunderts.

Des Kaisers Kanzler wußte schon 1913: „Wir haben vielleicht noch allzuviel den naiven Glauben an die Gewalt und unterschätzen die feineren Mittel.“ Zu den feineren Mitteln zählte Theobald von Bethmann Hollweg die Auswärtige Kulturpolitik, er war von ihrer „Wichtigkeit, ja Notwendigkeit überzeugt“ und zögerte doch, sie einzusetzen: „Wir sind noch nicht so weit. Wir sind unserer Kultur, unseres inneren Wesens, unseres nationalen Ideals nicht sicher und bewußt genug.“

1917 waren wir schon etwas weiter. Da wollte der gute König Wilhelm II. von Württemberg inmitten des blutigen Krieges ein Zeichen setzen und gründete das „Deutsche Auslands-Museum“ in Stuttgart. „Umbrandet vom Ansturm der Millionen von farbigen und weissen Völkerschaften des Erdballs und umtobt von den haßerfüllten Anwürfen fast der ganzen Welt, finden wir die Kraft und die Zeit zu einer kulturellen Aufgabe ersten Ranges“, schrieb die Württemberger Zeitung. Doch während der König mit der Förderung deutscher Interessen im Ausland ein Werk des Friedens schaffen wollte, dachten seine Mitbegründer aus Industrie und Wissenschaft schon an die „wertvollen Dienste (des Instituts) im kommenden Wirtschaftskrieg“ und zeigten sich fest entschlossen, „gegen das Geschrei der Feinde, gegen die Ausrottung deutschen Einflusses, die Vernichtung deutscher Arbeit und Knechtung deutschen Fleisses (.. .) für das deutsche Volkstum überall in der Welt zu kämpfen.“ Als dann nicht, wie erwartet, „die stahlharten Griffel unserer Helden einen deutschen Frieden“ geschrieben hatten, gab es in den zwanziger Jahren eine Chance für die aktive Völkerverständigung im Sinne Gustav Stresemanns.

Nach 1933 war im Zuge der „nationalsozialistischen Erneuerung“ wieder die „Weltsendung der Deutschen“ angesagt: Völkermord und totaler Krieg, Zerstörung und als Folge die Teilung des Landes. 1951, als die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes in Bonn neu gegründet wurde, wollte Bundespräsident Theodor Heuss am liebsten noch einmal von vorn anfangen, „eine Elementarschule für den Verkehr mit dem Ausland“ einrichten, ein „schlichtes phrasenloses Vaterlandsgefühl“ lehren und „Auslandsbeziehungen als freudiges Geben und Nehmen (zumindest für den Raum des Geistigen)“ üben.

„Deutschland und die Deutschen wieder lieben, zumindest achten lernen – das also war die Devise (der Auswärtigen Kulturpolitik) 1951“, schrieb 1986 Barthold Witte, der Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes von 1983 bis 1992. Und weiter: „Das andere, bessere Deutschland galt es der Welt zu zeigen, dasjenige Deutschland, das der Menschheit große Dichter, Denker, Musiker und Wissenschaftler geschenkt hatte.“ – Nicht von Auschwitz, von ewigen Werten war die Rede. Um den schlechten Geschmack von Propaganda und Manipulation zu vermeiden, half die brillante Idee, Geist und Macht einigermaßen zu trennen, die Kultur und die Menschen, die sie vermittelten, nur über eine ganz lange Leine an den Staat binden. Neu belebt, neu gegründet wurden der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Alexander von Humboldt-Stiftung, das Goethe-Institut, Inter Nationes und das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart. Als vom Staat getragene, aber weitgehend unabhängige Mittlerorganisationen fanden sie in den vergangenen vierzig Jahren den Weg von deutscher Selbstdarstellung zum Dialog, von Goethe zum Grips-Theater, bauten „Brücken über Grenzen“, förderten die deutsche Sprache und die internationale Zusammenarbeit in Philosophie, Literatur und Film, in Musik und Malerei bis zur Umweltpolitik. „Als in den Jahren der großen Naziprozesse, der sogenannten Berufsverbote und der Stammheimer Todesfälle das Bild des häßlichen Deutschen wieder einmal besonders häßlich aus den internationalen Medien blickte, floß plötzlich mehr Geld in die deutsche auswärtige Kulturpolitik“, berichtet Albert Wassener, ein langjähriger Mitarbeiter des Goethe-Instituts, „aber kein Kulturkenner würde geglaubt haben, politisch verursachte Imagekrisen könnten anders als durch Gelassenheit und durch eine Änderung der Politik überwunden werden.“

Gelegentliche Zusammenstöße zwischen Politikern und Kulturvermittlern, Skandale wie der Streit um die Ausstellung von Klaus Staeck im Goethe-Institut London 1974 oder die Sexualaufklärung bei der Auslandstournee der „Roten Rübe“ wirbelten zwar zu Hause viel Staub auf, zeigten aber draußen ein Bild von Deutschland, mit dem man leben konnte. Der Mut zur Selbstkritik, die Versuche, zusammen mit den Partnern im Ausland über deutsche Geschichte und Gegenwart nachzudenken und dabei kontroverse Themen nicht unter den Teppich zu kehren, die Hilfe zur Selbsthilfe in der Dritten Welt, das alles waren viele kleine Schritte, die es den Menschen im Ausland leichter machten, den Deutschen wieder zu trauen. Und die den Deutschen vielleicht halfen, sich im Gespräch mit den anderen ihres „inneren Wesens“ bewußt zu werden. Es war ein Modell des Austauschs, das sich der Herausforderung eines schwierigen Vaterlands stellte, das lebendig und fruchtbar wurde, weil es innere Probleme der Gesellschaft genauso als Teil der kulturellen Identität begriff wie ihre Leistungen. Es ist ein Modell, das funktioniert, solange die relative Unabhängigkeit gewahrt und die staatliche Kontrolle trotz mancher Mahnung zur „Ausgewogenheit“ zurückhaltend bleibt.