Von Joanna Coles

Bei sich zu Hause gibt David Bret keine Interviews mehr. Einmal hatte ein Journalist eine abfällige Bemerkung über die Gegend gemacht, und das mag man in Wakefield nicht. Als David am nächsten Abend heimkam, tropften rohe Eier von seiner Fensterscheibe.

Nun sollen wir uns im Foyer des neuen Holiday Inn in Leeds treffen. „Sie erkennen mich ganz leicht. Ich trage immer Schwarz.“ Er spricht betont artikuliert, wie einer, der im InterCity auf Schinkentoast mit Tomaten aufmerksam macht – dabei erzählt er gerade, wie er mit Marlene Dietrich am Telephon zusammen im Duett gesungen hat.

„O je, unsere Telephonrechnungen“, seufzt seine Frau Jeanne und verdreht dabei die Augen, „über tausend Mark im letzten Vierteljahr.“ Beim ersten Mal, im September 1989, war Jeanne am Telephon. „Daß jemand wie sie uns anruft“, flüstert sie. „Zuerst wollte ich es nicht glauben“, nickt David zustimmend, „ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat, ich glaube, sie hat einfach über einen ihrer Filme gesprochen.“ Und so begann ein bizarrer Telephonkontakt. Innerhalb weniger Wochen rief die verschlossene Diva, die kaum mit ihrer Familie, geschweige denn mit Freunden Kontakt pflegte, beinahe täglich in Wakefield an. „Fast jeden Abend um Viertel vor acht läutete das Telephon“, erzählt David. „Komisch. Ich war immer gerade beim Essen oder in der Badewanne. Sie erzählte dies und das, irgendwas, und dann sagte sie immer: ‚Ich muß jetzt weg.‘ Aber vier Stunden später rief sie wieder an und redete weiter, als sei nichts gewesen.“

Innerhalb weniger Monate wurde er, wie er sagt, ihr Vertrauter. Einfach über alles sprach sie, ihre Lieblingsfilme, die ungeliebten Verwandten. Schließlich rief sie zehnmal am Tag an. Warum? „Sie hat mir selbst erklärt, weil ich der einzige Mensch war, der sie jemals wegen etwas um Erlaubnis gefragt hat.“

Festnageln läßt David Bret sich nicht; über seine Vergangenheit spricht er nur ungern. Einundvierzig ist er, gibt als Geburtsort Paris an und blockt Fragen nach seinen Eltern mit dem Vorwand ab, sich nicht mehr zu erinnern. Früher habe er über Kirchenarchitektur geschrieben, doch wann genau das gewesen sei, wisse er nicht mehr. Ist das nun angeborene Zurückhaltung? Verfolgt er eine bestimmte Absicht? Jedenfalls hatte er früher mit Krankenhausverwaltung zu tun. Und davor? Da trat er in Clubs auf und sang französische Chansons. Damals, als er auf Tour war, schlug ihm jemand vor, ein Buch über Edith Piaf zu schreiben. Nach vielen Absagen wurde die Piaf-Biographie schließlich 1988 beim Robson-Verlag veröffentlicht, und im Juni dieses Jahres erschien seine Maurice-Chevalier-Biographie unter dem Titel „Up On Top Of A Rainbow“.

Marlene Dietrich selbst habe ihm vorgeschlagen, ihre Biographie zu schreiben. Als er 1988 an der Piaf-Biographie arbeitete, wandte er sich an sie mit der Bitte, ein Zitat verwenden zu dürfen, auf das er in ihrer Autobiographie gestoßen war. Sechs Monate später bekam er Antwort. Und wiederum ein paar Monate danach begannen die Anrufe. „Als wir uns wieder einmal unterhielten, sagte ich mitten im Gespräch: ‚Wir wissen jetzt so viel voneinander, daß wir ein Buch schreiben könnten.‘ – ‚Tu das, Darling, tu das!‘ ermunterte sie mich.“