Der amerikanische Filmregisseur Steven Soderbergh macht in seinem Film „Kafka“ alle Fehler, die ein Amerikaner, der Kafka verfilmt, unweigerlich macht. Das erstaunlichste an diesem Film ist, daß ihm die Fehler nicht schaden. In der endlosen Reihe derer, die Kafkas Werk für die Bühne oder für das Kino zu nutzen versuchten, ist Soderbergh schon jetzt eine sichtbare Figur. Mit rabiater Unerschrockenheit stürzt er sich in sämtliche Kafka-Klischees. Da er die Gefahr nicht meidet, kommt sein Film darin nicht um.

Der erste Fehler: Kafka lebte in Prag, also spielt der Film ebenda. Wie kann man so etwas machen? Ist nicht die Kulisse dieser goldenen und zugleich schwarzen Stadt als Kafka-Kulisse in tausend Bildbänden und Devotionalien längst verbraucht? Und doch, indem Soderbergh die Kulisse noch einmal aufbaut und als surreale Szenerie nutzt, wird Prag aufs neue zum Laboratorium europäischer Alpträume, wie wir sie aus der Prager Literatur kennen, von Meyrink oder Werfel oder Kafka.

Der zweite Fehler: Der wirkliche Franz Kafka ist die Hauptfigur. Darf man das? Jeremy Irans in Kafkas Hut, unter dessen Krempe Kafkas Fledermausohren kurz vor dem Abflug sind, intelligent und nervös, übernächtigt und blaß, in den dunklen Augen eine Liebenswürdigkeit, in den scharf geschnittenen Mundwinkeln ein schreckensbereites Lächeln – so war Kafka, den Zeitgenossen als sportiv ansehnliche Erscheinung schilderten, nicht ganz. Aber je länger wir Jeremy Irons zusehen, dieser Mischung aus Kleinmut und Hochmut, aus Furcht und Weisheit, desto mehr denken wir: Das könnte Kafka sein.

Der dritte Fehler: Die Grundregel bei jeder Annäherung an Kafka lautet, daß man Werk und Person auseinanderhalten muß. Josef K. ist nicht Franz Kafka, und selbst in dem berühmten „Brief an den Vater“ sind Vater und Sohn nicht identisch mit Hermann und Franz Kafka. Soderbergh jedoch bringt alles aufs befremdlichste durcheinander. In seinem Film ist Kafka Angestellter in einer Arbeiterunfallversicherung. Das war er wirklich. Eines Tages wird Kafka befördert. Er bekommt ein eigenes Kontor und zwei Assistenten. Die beiden benehmen sich wie Idioten. Ihre Komik ist ebenso lachhaft wie gespenstisch. Es sind die beiden Gehilfen des Landvermessers K. im Roman „Das Schloß“.

Eines Nachts wird Kafka Zeuge einer schrecklichen Szene. Zwei Herren im dunklen Anzug führen einen Delinquenten hinaus auf ein ödes Feld. Der eine zieht ein Messer hervor, sticht es dem Mann in die Brust und dreht es zweimal herum. Das ist exakt die Schlußszene aus dem Roman „Der Proceß“. Kafkas Freund, der eines Tages tot aufgefunden wird, heißt Eduard Raban; dessen Freundin Rossmann; der Inspektor, der Kafka verhört, Grubach; der Abteilungsleiter in der Behörde Bürgel. All das sind Namen aus Kafkas Werk. Fräulein Rossmann, Mitglied einer anarchistischen Untergrundgruppe, ist offenbar Kafkas Freundin Milena nachempfunden. Auf der Suche nach den Wurzeln der rätselhaften Verbrechen, die sich in Prag ereignen, stößt Kafka auf die Unfallakten einer böhmischen Fabrik. Deren Werksarzt heißt Dr. Murnau. Murnau ist der Regisseur des Films „Nosferatu“ (1921).

All diese Anspielungen, Zitate, Verweise sind aber nicht die Wichtigtuerei eines von Prag und Kafka Berauschten. Sie sind lediglich der Spielplatz für ein Abenteuer. Die expressionistische Ästhetik des Stummfilms wird Material, mit dessen Hilfe Soderbergh eine Geschichte erzählt, die Kafka hätte erfunden haben können. Denn Soderberghs Film ist zunächst ein ganz simpler Krimi. Menschen verschwinden und werden ermordet. Und Kafka, alles andere als ein Detektiv, findet in unschuldiger Anteilnahme ein Terrorsystem, dessen Herren im Schloß sitzen, im Hradschin, der sich wie ein ferner Gott über den Gassen erhebt. Soderberghs Collage aus Historie, Realfiktion und Kafkas Personal dient dazu, diesem Krimi eine Bühne zu verschaffen, wie sie artifizieller wohl kaum ein Krimi je gehabt hat. Alec Guinness als Abteilungsdirektor und Armin Mueller-Stahl als Inspektor: Selbst in den Nebenrollen ist Soderberghs Film perfekt

Das Wunder dieses wunderlichen Films besteht darin, daß er wie eine Fortsetzung von Kafkas Visionen wirkt, etwa der „Strafkolonie“. Eine Fortsetzung aber auch deshalb, weil Kafka, anders als K., wirklich ins Schloß gelangt. Was er dort entdeckt, darf nicht verraten werden, denn es gibt kaum etwas Ärgerlicheres als Leute, die vorzeitig Agatha Christie spielen, deren Detektiv Poirot sich am Ende vor den Leser hinstellt und alles erklärt.