Von Ulrich Greiner

Von der Lathbury Road im Norden Oxfords bis zur Bodleian Library im Zentrum ist es ein gutes Stück zu Fuß. Von Malcolm Pasleys Wohnung bis zu jenem mit zwei Schlössern verriegelten Schrank, auf dem in goldenen Lettern ARCH.E (Archiv E) steht, ist es nur der Flug eines Gedankens, der die Arbeit von Jahrzehnten ins Ziel trägt.

Der Gedanke heißt Kafka, und die Arbeit besteht darin, das Werk, das wir zu kennen glauben, in seinem ursprünglichen Wortlaut wiederherzustellen und ihm die gültige Textgestalt zu geben. Pasleys Werkstoff sind Kafkas Handschriften, die im 400 Jahre alten Duke-Humfrey-Lesesaal der Bodleiana aufbewahrt sind, und sein Arbeitsplatz ist ein kleines Erkerzimmer im Erdgeschoß seines Hauses, Lathbury Road, North Oxford.

Das ist eigentlich schon alles: hier die Handschriften, dort Sir Malcolm Pasley. Und damit fängt die Geschichte erst an, die Geschichte Kafkas und seiner Wirkung. Das Schicksal der Handschriften und der Kafka-Ausgaben ist ebenso schrecklich und verworren wie die Geschichte dieses Jahrhunderts. Kafkas Erben (und also Nachlaßverwalter) wären unter normalen Umständen seine Schwestern gewesen. Alle drei wurden sie im Konzentrationslager ermordet. Am Ende einer Irrfahrt landete der größte Teil von Kafkas Nachlaß in Oxford, und Pasley, durch eine Fügung aus Zufall und Neigung, wurde sein Hüter. Das muß man erzählen.

Nicht bloß aus anekdotischen Gründen. Wen interessiert heute das Schicksal vergilbter Notizbücher und der Streit um die richtige Lesart einst verschollener Texte? Im Fall Kafkas aber geht es nicht nur um den Ehrgeiz von Philologen. Kein literarisches Werk dieses Jahrhunderts hat solche Heerscharen von Interpreten auf sich gezogen. Das Rätsel Kafka beschäftigt Millionen von Lesern und Tausende von Wissenschaftlern. In jeder Richtung wurde es durchwühlt und durchforstet, gedeutet und umgedeutet, aber die Grundlage all dieser Bemühungen war allzuoft fast ein Witz, ein Betrug, ein verderbter Text. Was zum Beispiel bedeutet der seltsame Titel einer der berühmten Parabeln Kafkas "Eine alltägliche Verwirrung"? Er bedeutet gar nichts. Richtig lautet er: "Ein alltäglicher Heroismus". Die Entdeckung eines Lesefehlers macht ganze Dissertationen hinfällig.

Traum oder Turner?

Malcolm Pasley ist ein schmales Hemd mit ausdrucksvoll hagerem Gesicht und trotz seiner 66 Jahre und einer tückischen Krankheit immer noch ein drahtiger Geselle von nervösem, beweglichem Charakter. Er langt hinüber ins Regal, wo von der Decke bis zum Boden seine Kafka-Handbibliothek untergebracht ist, und schlägt in der Brodschen Ausgabe die Parabel "Die Brücke" auf: "Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen." Der erste Fehler: Die Handschrift vermerkt das richtige Tempus "... hatte ich mich festgebisscn". Nun aber nähert sich ein Wandersmann, "wild umherblickend" (richtig: "weit umherblickend"), und der Erzähler fragt sich: "Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer?" In der Handschrift steht jedoch: "Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger?"