Von Otto Kallscheuer

Wer hierzulande eine Behauptung, These oder Frage als "rhetorisches Argument" qualifiziert, hat damit meist im Sinn, sie zu entwerten. Der Rhetoriker, der im politischen Meinungskampf Stimmen und Stimmungen mobilisiert, gilt dem aufgeklärten Zeitgenossen gerne als ein Rechter oder Populist – obwohl es schließlich auch die umgekehrte Rollenverteilung gibt: Die Linke schürt soziale Ängste, und die Rechte beansprucht die ökonomische Vernunft. Der Antipode des Rhetorikers ist der kühle Analytiker. Es ist der Wissenschaftler oder Experte, der sich – unbeeindruckt von der öffentlichen Meinung – den wirklichen Sachfragen widmet, der auch unpopuläre Maßnahmen vorschlägt, weil er der harten Realität unausweichlicher, zumeist ökonomischer Zwänge ins Auge blickt. Denn diese lauern bekanntlich weiterhin unter der Oberfläche der "Stimmungsdemokratie".

Schon darum sollte das neue Buch Albert O. Hirschmans, des in Princeton am Institute for Advanced Study tätigen politischen Ökonomen, Interesse wecken. Es befaßt sich mit der rhetorischen Rolle wissenschaftlicher Thesen im politischen Meinungskampf. Und es ist selbst ein brillantes Lehrstück (inner)wissenschaftlicher Rhetorik. Eine überraschende Einsicht, die man aus seiner Lektüre gewinnen kann, ist folgende: Die eingangs erwähnte Abwertung öffentlicher Rhetorik zugunsten des illusionslosen Blicks auf die harten Fakten ist selbst eine rhetorische Figur. Sie wurde allerdings zunächst nicht von der Linken, der Partei von Demokratie, Aufklärung und Fortschritt kreiert, sondern stammt aus der diskursiven Waffenkammer von zweihundert Jahren Kritik an den Folgen und Weiterungen der Französischen Revolution.

Hirschman geht in seinem Buch den intellektuellen Gegenbewegungen nach, die die Entwicklung und Erweiterung der Bürgerrechte in den westlichen Demokratien begleitet und bekämpft haben. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wie der Eleganz orientiert sich der Autor dabei an einer klassischen Trias, die der britische Soziologe Thomas H. Marshall in einer 1949 gehaltenen Vorlesung über "Citizenship and Social Class" aufgestellt hatte. Danach läßt sich die Geschichte der Bügerrechte in drei großen Etappen schrittweiser Erweiterung des Bürgerstatus rekonstruieren: Die zivilen Freiheitsrechte der Declaration des droits de l’homme et du citoyen hatten ihre "formgebende Phase" im 18. Jahrhundert; die Eroberung der politischen Rechte, also die Verallgemeinerung des Wahlrechts auf die arbeitenden Klassen, zog sich über das ganze 19. Jahrhundert hin, bis zu den Konsequenzen des Ersten Weltkriegs; und die Auseinandersetzungen um die sozialen Rechte aller Staatsbürger auf ein Minimum an Wohlfahrt, Gesundheit, Chancengleichheit präg(t)en dann das 20. Jahrhundert. Marshalls stark von der britischen Entwicklung geprägten Studien sind übrigens gerade in einem von Elmar Rieger vorzüglich edierten Sammelband erschienen ("Bürgerrechte und soziale Klassen", Campus Verlag 1992).

Bürgerliche Freiheit, demokratische Gleichheit, soziale Sicherheit: Jede dieser drei Revolutionen oder Reformen ist in der zeitgenössischen Theorie und Publizistik mit drei typischen Gegenargumenten bekämpft worden, die Hirschman in seinem Buch rekonstruiert und Revue passieren läßt. Nehmen wir die Reaktion auf Marshalls zweite Etappe der Entwicklung von Bürgerrechten: die Warnungen all jener Kritiker, die sich dem Prozeß einer Ausweitung des Wahlrechts entgegengestellt haben. Die tiefe Verachtung der "Brüllmasse, Volk genannt" (Jacob Burckhardt) seitens der kulturellen Eliten oder die in bitterer Ironie kaschierte Angst, die selbst radikale Gesellschaftskritiker vom Schlage eines Gustave Flaubert oder Henrik Ibsen angesichts der Perspektive einer Herrschaft der ungebildeten Mehrheit ergriff, waren keine folgenlosen Begleiterscheinungen der in Europa nahezu ein Jahrhundert währenden Auseinandersetzung um die politischen Bürgerrechte. Sie schlugen sich auch in der Partitur von Gegenargumenten nieder, die den langen Marsch zum allgemeinen Wahlrecht begleitet haben, das, wie Hirschman schreibt, "den zeitgenössischen Beobachtern schon bald als unvermeidliches Ergebnis der Entwicklung erschien".

Der sich antirhetorisch gerierende Hinweis auf jenseits der Leidenschaften der Massen gelagerte, also unter der Oberfläche wirkende grundlegende Gesetzmäßigkeiten der sozialen und politischen Mechanik vermochte dabei den Gegnern des allgemeinen Wahlrechts wenigstens die Rolle der kulturellen Überlegenheit zu sichern. Eine rhetorische Figur also: der illusionslose Denker wider den demokratischen Common sense. Gemeinsam ist den Argumentationsmustern der Reaktion die Abwertung der bewußten Intentionen der demokratischen Revolution und ihrer "weltverbesserischen" Wortführer; doch sie unterscheiden sich im psychologischen Effekt.

Die erste Variante nennt Hirschman die These von der Sinnverkehrung: Gustave le Bon etwa kritisiert in seiner "Psychologie des foules" (1895) den "gesunden Menschenverstand" der Demokraten mit der These, im Unterschied zum rational kalkulierenden Individuum seien Aggregationen von Menschen – "Massen" – gar nicht zur vernünftigen Abwägung in der Lage, sondern neigten zur epidemiehaften Ansteckung mit vorbehaltlosem Enthusiasmus. "Je weniger die Masse vernünftiger Überlegungen fähig ist, desto mehr ist sie zur Tat bereit" – und solche hypnotisierten foules unter der Führung demagogischer Führerfiguren würden das allgemeine Wahlrecht alsbald in einer politischen Katastrophe enden lassen. Das Ergebnis der Massendemokratie – ein unweigerliches Anwachsen von Gesetzen und Verordnungen, von Staatsquote und Bürokratenherrschaft – widerspricht den Intentionen ihrer Urheber. Die demokratischen Weltverbesserer erweisen sich als Weltverschlimmerer.