Von Bernd Nitzschke

Heute sind Männer bei der Kinderpflege und Pilotinnen im computergesteuerten Kampfbomber vorstellbar. Dadurch wurden viele angeblich "natürliche" Eigenschaften der Geschlechter fragwürdig, das heißt genauer: deren gesellschaftliche Voraussetzungen werden erkennbar.

Seit der vereinzelte, aus komplexen Familienverbänden ausgegliederte Mann einer ökonomisch für sich selbst verantwortlichen Frau gegenübersteht, die aus dem naturhaft-gesellschaftlichen Zwang entlassen ist, Kinder zu gebären, oder diese doch wenigstens nicht mehr in einem traditionell gegliederten Familienverband großziehen muß, ist auch die "Natürlichkeit" der überkommenen Geschlechterrollen auf dem Gebiete der Sexualität fragwürdig geworden. Dieser Emanzipationsprozeß, der sich bei genauerem Hinsehen als ein Prozeß der Individualisierung zu erkennen gibt, brachte Freiheiten für beide Geschlechter – aber auch manchen Verlust.

So sind viele der Bedürfnisse, die inzwischen individuell befriedigt werden können, überhaupt erst durch die soziale und psychische Isolation entstanden, in die das von familiären Zwängen und Sicherheiten emanzipierte Individuum geraten ist. Dennoch bleibt auch weiterhin das individuelle Glück des sich von traditionellen Vorgaben lösenden Paares in übergreifende soziale Prozesse eingebettet.

Am Beispiel der Rechtsprechung im Falle von Ehescheidungen zeigt Dirk Blasius solche Abhängigkeiten. In seiner lesenswerten Studie, die nicht nur Rechtshistorikern, sondern auch all jenen empfohlen sei, die an einer sozialgeschichtlichen Rekonstruktion der Institution Ehe interessiert sind, erinnert Blasius noch einmal an die langen Zeiten, in denen "die Ehe ein Privileg" war, das zunächst fast ausschließlich den vermögenden Mitgliedern der Gesellschaft zustand.

Andererseits belegen zunehmende Scheidungsraten, daß privates Glück auf Dauer schlecht zum Geist moderner Zeiten paßt – gar nicht zu reden vom Desaster, das Trennungen auch dann hinterlassen, wenn die Partner, sich selbst und der Beständigkeit moderner Beziehungen mißtrauend, von vornherein auf den Trauschein verzichtet haben sollten.

Fraglich, ob zukünftige Historikergenerationen im Rückblick auf unsere Zeit in solchen zur Ehe alternativen Lebensformen nur den Ausdruck individueller Freiheit erkennen wollen oder nicht doch von einem Zwang reden werden, den gewandelte ökonomische Verhältnisse ausübten. Denn immerhin werden diejenigen, die allseits konsumieren sollen und ihre Arbeitskraft stets flexibel verkaufen wollen, lebenslängliche Bindungen allzuleicht als lästige Fesseln bezeichnen.