Die vernichtende Kritik muß sich ihr gutes Gewissen wieder erobern. Dazu muß die Funktion der Kritik überhaupt wieder ganz neu ins Bewußtsein gerückt werden. Es ist allmählich dahin gekommen, daß sie die Erschlaffung und Harmlosigkeit selber geworden ist. Unter diesen Umständen hat selbst die Korruption noch ihr Gutes: nämlich überhaupt ein Gesicht, eine deutliche Physiognomie.“ Schrieb Walter Benjamin vor über sechzig Jahren. Und heute?

In jedem Herbst das gleiche: Kritiker äußern sich kritisch über die neuen Bücher der Schriftsteller. Die Schriftsteller, ohne die die Kritiker nichts zu kritisieren hätten, lesen’s und schweigen. Wir wollen den Spieß einmal umdrehen. Schriftsteller sollen Kritiker kritisieren. Wir haben deutsche Schriftsteller aufgefordert, Beschimpfungen, Lobeshymnen, Haßtiraden, Liebeserklärungen, Mini-Essays, Dramen und Gedichte, Regelwerke, Wunsch- und Verbotslisten über und für die Literaturkritik zu schreiben. Was ist überhaupt ein Kritiker? Was macht er? Wer glaubt ihm? Und überhaupt, was soll das ganze? Alle Antworten (und einige Ausflüchte) sind auf den folgenden Seiten nachzulesen.