Von Ralf Neubauer

Als Erich Honecker ein Jahr vor der Wende in Premnitz die angeblich modernste Acrylfaserstraße Europas einweihte, war die Welt in der brandenburgischen Kleinstadt noch in bester sozialistischer Ordnung. Wie es das Protokoll verlangte, jubelten die mehr als 6000 Mitarbeiter der VEB Chemiefaserwerke Friedrich Engels ihrem Staats- und Parteichef zu.

Inzwischen ist der Jubel längst verflogen, und die auf 2155 Werktätige geschrumpfte Belegschaft hat gelernt, wie sich mit zivilem Ungehorsam Interessen durchsetzen lassen. Als der Betriebsratsvorsitzende, Mathias Hohmann, am vergangenen Mittwoch nachmittag von der bevorstehenden Schließung des Werkes erfuhr, reagierte er prompt. Er informierte die ganze Nacht über Kollegen. Und am Donnerstag morgen um sechs Uhr war das Eingangstor der Märkischen Faser AG, wie das Unternehmen mittlerweile heißt, mit Säcken verbarrikadiert.

Die Betriebsbesetzung und eine Demonstration vor dem Chemiewerk verfehlten ihre Wirkung nicht. Bereits am Freitag nachmittag lud Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe Vertreter von Treuhandanstalt, IG Chemie, Betriebsrat und der Schweizer Alcor Chemie zu einer Krisensitzung in die Potsdamer Staatskanzlei. Das eidgenössische Handelshaus hatte die Faser AG erst im Oktober 1991 von der Treuhand gekauft und sah jetzt keinen anderen Ausweg, als die neue Tochtergesellschaft stillzulegen.

Dazu wird es vorerst nicht kommen. Manfred Stolpe überbrachte den vor der Staatskanzlei wartenden Chemiewerkern höchstpersönlich die frohe Kunde. Der Industriestandort Premnitz solle, so Stolpe, erhalten bleiben. Darüber hätten alle Sitzungsteilnehmer Einigkeit erzielt. IG-Chemie-Chef Hermann Rappe kündigte "weitere Gespräche zur Entwicklung des Standortes in den nächsten vier Wochen" an. Schon für diese Woche hätten Land und Treuhandanstalt eine "Feuerwehrzahlung" von 25 Millionen Mark in Aussicht gestellt.

Immer häufiger geraten Firmen in Bedrängnis, die von der Treuhandanstalt bereits an den Privatmann gebracht wurden. Der Fall Premnitz ist nur die "Spitze des Eisbergs". Nach einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin kämpfen rund sechzig Prozent aller privatisierten Industriebetriebe mit massiven Problemen. "Beispiele zeigen, daß sich manche Erwerber von Treuhand-Betrieben offensichtlich verkalkuliert haben", stellen DIW und Kieler Institut für Weltwirtschaft in ihrem jüngsten Gutachten zur Lage der ostdeutschen Wirtschaft fest.

Bereits im Frühjahr 1991 hatten Gutachter der Treuhandanstalt nachdrücklich empfohlen, die Märkische Faser AG abzuwickeln. Die Experten konnten ihr Todesurteil durchaus plausibel begründen. Schon damals zeichnete sich ab, daß die traditionellen Absatzmärkte wegbrechen würden. Der Exitus des wichtigsten Abnehmers, der ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, schien nur noch eine Frage der Zeit, und der Export nach Osteuropa gestaltete sich ebenfalls zunehmend schwierig. Gleichzeitg durften die Premnitzer nicht darauf hoffen, nennenswerte Mengen in Westeuropa verkaufen zu können. Dieser Markt krankt seit mehr als einem Jahrzehnt an schrumpfender Nachfrage und massivem Preisverfall.