Von Henry Thorau

Fernando del Paso hat den Steuermann Palinurus aus Vergils Äneis als Medizinstudent in das Mexiko von 1968 versetzt, und so wie Vergils Palinurus Schiffbruch erleidet, läßt auch del Paso ihn untergehen: einerseits in dem blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand, andererseits im Strudel des Lebens, der Träume, der Fakten, der Worte.“ So faßt die Übersetzerin Susanne Lange in ihrem Vorwort „Die Anatomie einer Übersetzung“ den 800-Seiten-Roman in wenigen Zeilen zusammen.

Dem ist eigentlich nichts hinzufügen, außer, daß es noch die Kusine Stephanie gibt – ohne Liebesgeschichte ist kein (lateinamerikanischer) Roman ein Roman –, Stephanie-Alice mit den Honighaaren, die im Wunderland Mexiko eine englische Schule besuchte und in deren Körper Mann „immer eine kirschfarbene Alternative und eine dunkelviolette Ausnahme finden konnte“. Ein Medizinstudenten-Erguß nach dem anderen, in unterschiedlichen Stilen und Posen, vor allem verbal, mal aus der einen, mal aus der anderen Perspektive, nacheinander oder gleichzeitig. „Fest steht jedoch, daß er in diesem Krankenhaus, ganz von seinen beiden Leidenschaften, der Medizin und der Polin, in Anspruch genommen, einige der schönsten Tage seiner Jugend verbrachte.“

Fest steht auch, daß der Rezensent in diesem Buch, ganz von seinen beiden Leidenschaften, der Literatur und Lateinamerika, in Anspruch genommen, einige der anstrengendsten Tage seines Lebens verbrachte, wild entschlossen zu entdecken, was andere nach dem Multiple-choice-Verfahren schon vor ihm entdeckt hatten: daß der Roman den Autor als einen „Erben der literarischen Traditionen Europas und Lateinamerikas“ zeige, angefangen von Vergil über die Commedia dell’arte, Rabelais, Sterne und Swift, Lewis Carroll, James Joyce bis hin zu den Surrealisten und natürlich Asturias, Paz und Cortázar. Das mit dem „Erben“ stimmt. Schön und gut! Aber wo ist Fernando del Paso?

Soviel wissen wir: Er ist 1935 in Mexiko City geboren, ist nicht Arzt, sondern Diplomat – heute mexikanischer Konsul in Paris – wie so viele große lateinamerikanische Autoren vor ihm, man denke nur an Pablo Neruda, Alejo Carpentier, Joáo Cabral de Melo Neto oder an seinen Landsmann Carlos Fuentes. Sie alle haben Weltliteratur geschrieben. Will sich der unsichtbare Autor des „Palinurus von Mexiko“ einen Jux mit uns machen? In Siebenmeilenstiefeln um die Welt, eine universale Tragedia dell’arte für die Simultanbühne nach Ferdinand Bruckner: „Er ... rannte, rannte so schnell er konnte, während tausende von Kilometern entfernt, in dem Land, das er später zu seinem eigenen machen sollte – Mexiko –, Großvater Francisco vor der Strafexpedition floh.“ Überschüttet der Mann aus der Neuen Welt des so sehr strapazierten „Magischen Realismus“ uns Bildungsbürger der sogenannten „Ersten Welt“ mit Hohn und Spott? Jedenfalls ertränkt er uns in Bildung, Bildern und Wortgebilden, Ideenfluten und -fluchten. Oder offenbart sich uns da ein Autor auf seiner Reise durch alle Wissenschaften und Künste der Welt selbst als Kulturopfer des Abendlandes?

Eines führt er uns meisterhaft vor – wie man ein Konversationslexikon von A bis Z zum Roman umschreibt: „... des Menschen als Mikrokosmos der Schöpfung, wie ihn Scotus Eriugena genannt hat; des Menschen, der nicht nur Widerschein, sondern Ebenbild Gottes ist; schließlich des Menschen des kosmischen Sündenfalls, von dem Jakob Böhme erzählt und der sich, fortgerissen von einem zentrifugalen Wirbel, vom Schöpfer entfernt, aber eines Tages, wie Schelling verspricht, in seinen Schoß zurückkehren wird: mit einem Wort: der Homo sapiens.“ So strömt die Tinte weiter, von Wissensgebiet zu Wissensgebiet. Stichwort Sexualität: „Das Abenteuer der Samentierchen, die wie silbrige Lachse gegen den Strom hinaufwandern, auf der Suche nach dem Ei, das seit der Geburt der Frau existiert und das im Dunkeln existiert und das im Dunkeln zwanzig Jahre oder vielleicht vierzig gewartet hat, um befruchtet zu werden.“ Können wir der Ironie oder Komik des Autors nicht folgen? Über 800 Seiten wird jede Ironie, jede Komik, werden alle Reihungen, Assoziationsketten, Querverweise und stilistischen Spielereien zur Tragik, zur Tragödie,

„Der eigentliche Protagonist“ in „Palinurus von Mexiko“ sei die Sprache, läßt uns die Übersetzerin wissen, mehr noch: „So reflektiert del Pasos Roman das Problem der Übersetzung an sich.“ Richtig! Die eigentliche Protagonistin des Romans ist die Übersetzerin, die von Bibliothek zu Bibliothek hetzt, von Enzyklopädie zu Enzyklopädie, all den verstaubten Expressionen und alten Meistern auf der Spur, den aus Imagination und wissenschaftlicher Begrifflichkeit gepaarten Wortwucherungen. „Die Zahl der Ärzte, die ich in diesem Zeitpunkt konsultiert habe, hätte auf einen bedenklichen Gesundheitszustand schließen lassen können, wären die Patienten in diesem Fall nicht Worte wie Phrenikotomie oder Supraorbitalneuralgie gewesen.“ Wahr gesprochen!