Ist Nonsensliteratur mehr als ein bißchen Gaudi und harmlos nette Blödelei?

Der Umgang mit diesem literarischen Genre, das Edward Lear 1846 mit dem Book of Nonsense etabliert hat, läuft bei uns fatalerweise meistens aufs Onkelhafte hinaus, auf Possen und Pappnasenwitz.

Lear wird den Kindern gern als ulkiger Mister mit ein paar amüsanten Ticks vorgestellt, der einige hübsche Jokes produzierte. So etwa wie die smarten Jungs vom Kiddy-TV ... Folgerichtig schlagen Illustratoren einen cremetortenhaften Allerweltsstil an, das frischfröhliche Einerlei aus lauten Farben und scheinbar naiver Zeichengeste.

Wahrheit ist, daß Lears Kunstblüten auf tristem Grund gedeihen mußten: Zeitlebens litt er, das zwanzigste Kind aus einer verarmten Börsenmaklerfamilie, unter schweren Depressionen und chronischer Bargeldlosigkeit, lebte vorwiegend auf Pump, schlug sich als Illustrator und Zeichenlehrer durch, verkaufte Aquarelle und Landschaften in Öl an reiche Leute, richtete sich ein in kaschierter Boheme, war unter der Camouflage des Spaßvogels ein Einsamer, ein Melancholiker, ein Unglücksrabe.

Wenn jetzt also die „Story Of The Four Little Children Who Went Round The World“ mit exquisiten Bildern von Klaus Ensikat und einer glänzenden Textbearbeitung von Gerhard Dahne erscheint, ist dieses ein Glücksfall für die Kinderliteratur und Edward Lear, der sich nur allzuoft gefallen lassen mußte, von mittelmäßigen Interpreten vereinnahmt zu werden.

Die haarsträubende, wundersame Seereise der Kinder Violet, Veit, Genever und Lionel ist tolldreiste Phantasterei; gleichzeitig mehr: nämlich funkelnder Protest gegen verordnete Normalität, gegen viktorianische Moral, Konvention, gesellschaftliche Vorschrift, gegen Zwänge und Fügsamkeit.

Lear attackiert Logik und brave Übereinkünfte, stellt liebgewohnte Ansichten auf den Kopf, rebelliert gegen biederen Schein, läßt eine schillernde Kulisse auffahren: tropische Seespucker, Eisbären, Kakadus oder Windhosen, die Orangen hageln lassen. Daneben das Mauskollektiv, das Mandelpudding verzehrt, der Dialog mit den Blauflaschenfliegen und Hundertschaften von Krebsen, denen Violet das Stricken beibringen muß. Er läßt einen Blumenkohl auftreten, der von Tausenden Bachstelzen begleitet, graziös über die Buchseiten stakst, fasziniert uns mit den Gelbnasenaffen aus Maulbeermarmeladenland, die gern glibbernde Schnirkelschneckensülze als Leibspeise zu sich nehmen.