Von Klaus Hartung

Das Niemandsland, den Streifen zwischen den deutschen Staaten und Gesellschaften, gibt es noch, und noch lockt es seine Spaziergänger. 1990 war es für manchen das Gebäude der Freiheit und der Raum des Neuanfangs. Weshalb aber ziehen jene wüsten Flächen auch heute noch unsere Gedanken an?

Es scheint, allein das Niemandsland, das reale und ideelle, biete gegenwärtig das, was bitter nötig scheint: einen Ort der Vergegenwärtigung, einen archimedischen Punkt, von dem aus es wenigstens für einen Augenblick möglich erscheint, sich die radikalen Veränderungsprozesse in diesem Land vor Augen zu halten. Das Niemandsland als ein Ort des Übergangs, an dem man begreift, daß wir auch auf Institutionen, politische Strukturen, Verfassungen des Übergangs nicht verzichten können.

Denn gegenwärtig haben wir keine verbündende und orientierende Idee. Die Idee der Einheit ist es nicht. Die Einheit wurde als Angleichung per Vertrag vollzogen. Was bleibt, sind Defizite, nach Größenordnung und Fristen unbestimmt, Defizite an Transferleistungen von Geld, Know-how und Menschen. Es fehlt der realistische Blick auf die historische Dimension der Aufgabe, die sich den Deutschen stellt. Deswegen fügen sich politische Fehler, Zukunftsängste und veränderte geschichtliche Bedingungen zu einer einzigen Vision der Misere. Darum: sieben Ansichten aus dem Niemandsland.

Erstens: Vor zwei Jahren gab es mehr Einheit als jetzt. Noch immer ist zwar Westdeutschland das Modell der Zukunft Ostdeutschlands. Aber an diese Zukunft glauben im Westen und Osten immer weniger Menschen. Die Rhetorik vom Aufschwung Ost mitsamt allen optimistischen Prognosen ist schal geworden. Als realistischer gilt jetzt die Annahme eines dauerhaften abwertenden Unterschieds zwischen den beiden Teilen Deutschlands, die sich in Begriffen ausdrückt wie: die soziale Mauer, der deutsche Mezzogiorno, das Armenhaus Ost. Auch wenn sie von der Angleichung der Lebensverhältnisse sprechen, richten sich die Menschen gleichwohl auf eine chronische Spaltung ein.

Nur ein gemeinsames Gefühl haben die zwei Jahre Vereinigung geschaffen: das einer tiefgehenden Verunsicherung. Unsicher geworden ist beinahe alles: der Bestimmungsort Deutschlands in Europa, die Tragfähigkeit des sozialen Netzes, der Konsens der öffentlichen Ordnung. Aber selbst dieses Gefühl ist gespalten, es artikuliert sich im Osten anders als im Westen. Auch die Blickrichtung ist geteilt: Der Westdeutsche blickt entweder nach Westeuropa, oder er blickt durch Ostdeutschland hindurch auf das weite Glacis der drohenden osteuropäischen Bürgerkriege; der Ostdeutsche orientiert sich wiederum kaum am Schicksal der Osteuropäer aus dem ehemals gemeinsamen sozialistischen Haus. Er starrt vielmehr auf Westdeutschland. Angesichts des anonymen gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, der wie eine Lawine in Zeitlupe über den Alltag kam, erwacht in der allgemeinen Angst das mächtige Bedürfnis nach handgreiflichen Bedrohungen. Die Asyldebatte, die das Problem nicht in die Nähe von praktischen Lösungen, sondert ins Zentrum der nationalen Psychologie gerückt hat, ist der Ausdruck dieser Verknüpfung von Angst und Aggressivität. Gefährlich sind dabei nicht so sehr die alten deutschen Dämonen, sondern ist ihre Verbindung mit den Gespenstern der Zukunft. Der Populismus der Angst, den die deutschen Politiker praktizieren, stabilisiert diese Bindung. Die Flucht vor der Realität der Spaltung unterminiert die zivilisatorischen Kräfte.

Zweitens: Die Vereinigung eines geteilten Landes nach vierzig Jahren konnte nur das Bild einer gespaltenen Gesellschaft offenlegen. Aber die Vereinigung als forcierte und flächendeckende Angleichung mußte die Spaltung erst recht produzieren. In dieser Lage greifen beide Teilgesellschaften auf ihre alten Legitimitätsmuster zurück: Der Westdeutsche erinnert sich immer heftiger des verlorenen Paradieses an der Sonnenseite der Ost-West-Spaltung. Für den Ostdeutschen werden die soziale Sicherheit und die Welt der Brigade in der untergegangenen DDR zum Wert an sich. Die Regression im Osten wird noch dadurch bestärkt, daß mit der Einheit die westdeutsche Gesellschaft und ihr demokratisches Selbstverständnis wie ein Richterspruch der Geschichte in letzter Instanz über die DDR kam.