Im Frühjahr 1936 hielt sich Nikolaj I. Bucharin, bis 1929 Mitglied des Politbüros und einer der führenden Theoretiker der Bolschewiki, letztmalig im Ausland auf, um über den Ankauf von Manuskripten aus dem SPD-Archiv, unter anderem den Marx-Nachlaß, zu verhandeln, das Boris I. Nikolajewskij nach der nationalsozialistischen Machtübernahme aus Deutschland herausgeschmuggelt hatte. In zahlreichen vertraulichen Gesprächen mit Nikolajewskij, einem ehemaligen Bolschewiken, später aber Mitglied des ZK der Auslandsorganisation der Menschewiki, äußerte sich Bucharin nicht nur abfällig über Stalin, sondern informierte auch detailliert über Interna der sowjetischen Innen- und Außenpolitik. Bucharins offene Kritik an der sowjetischen Politik ist im Kontext mit der seit dem Attentat auf den Leningrader Parteichef Sergej M. Kirow im Dezember 1934 sich verschärfenden innenpolitischen Repression zu sehen. Mit seiner Kritik verband Bucharin eine Todesahnung, die Nikolajewskij mit den Worten kommentierte, Bucharin sei „mit seinem eigenen Nachruf im Kopf“ nach Westeuropa gereist. Aufgrund der Informationen Bucharins verfaßte Nikolajewskij den „Brief eines alten Bolschewiken“, der Ende 1936/Anfang 1937 anonym veröffentlicht wurde.

Es handelt sich um ein einzigartiges Dokument, das die Fragen von Macht und Ohnmacht, Moral und Gewalt thematisiert. Der „Brief“ ist Ausgangspunkt mehrerer Kernthesen in traditionellen Interpretationen der „Säuberungen“ unter Stalin und stellte bis zur Öffnung der sowjetischen Archive eine bedeutende Quelle für unser Verständnis der sowjetischen Politik der dreißiger Jahre dar.

Allerdings sind, obwohl bekannte Fachleute das Dokument für glaubwürdig hielten, gewisse Zweifel an der Authentizität erlaubt. So beziehen sich zum Beispiel die beiden ersten Zeilen des „Briefes“ auf den Schauprozeß gegen Kamenew, Sinowjew und andere, der erst im August des Jahres begann. Auf Bucharin, der bereits im April 1936 wieder in die Sowjetunion zurückkehrte, können diese Bemerkungen also nicht zurückgehen. Der „Brief“ basiert zum Teil auf Gerüchten, die zusammengefügt kein konsistentes Gesamtbild ergeben: Mal erscheint Kirow als „Liberaler“, mal als „Konservativer“. Die Rolle Stalins bei Kirows Ermordung erweist sich als widersprüchlich: Unklar bleibt, ob er der Auftraggeber war oder nicht.

Dennoch ist zu begrüßen, daß dieses Dokument zusammen mit Nikolajewskijs Artikel „Die Ermordung Kirows“ aus dem Jahr 1956 dem deutschen Publikum zugänglich gemacht worden ist.

Lutz Häfner

  • Boris Nikolajewskij: Brief eines alten Bolschewiken

Mit einem Essay von Detlev Claussen; Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1992; 112 S., 22,– DM